Diskussion:Lehre der Werte

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Inhaltsverzeichnis

Christoph Bösch

Werte schaffen und bewahren

Das Paradoxe wäre ja, dass das, wovon es weniger gibt, (meist) mehr wert wird/ist... Ich glaube, dass die Ideologien ("fixen" Vorstellungen) die Werte "entwerten". (Wenn mir "Werte" von anderen vorgeschrieben werden, sind sie mir eben nicht viel wert. Und was MIR viel wert wäre, wird wieder von den Ideologien (z.B. "politisch korrekt") entwertet.

Wenn jeder mehr dem eigenen Gewissen folgte, dann könnten sich aus all den subjektiven Werten auch wieder (neue) allgemeinere Werte "objektivieren". Es wird oft das Kind mit dem Bade ausgegossen: Etwa die GANZE Kirche, mit den Fehlern der Kirche usw. Dem wird befohlen, der sich nicht selbst gehorchen (auf das eigene Gewissen hören) kann.

Werte zeigen sich daran, was man unter Druck für sie zu opfern bereit ist - davon leben Film und Theater. (Reine WertVORSTELUNGEN sind inhaltsleer.) Jedenfalls hat es wenig Sinn, "konservativ" sein zu wollen, wenn es nicht mehr viel gibt, was es wert wäre bewahrt zu werden. Da bedürfte es zuerst einer Renaissance. Wiedergeburt der Werte, könnte demnach eine Überschrift lauten? (Aber es ist wie mit den Rechten: Wenn alles zum "Wert" erklärt wird, entwertet dies alle anderen Werte...

Mehr Wert

Wir brauchen Werte-Wachstum statt Wirtschaftswachstum... einen neuen Werte-Standard... Elementar-Standard: Wasser, Luft, Boden, Nahrung, Energie...

Wir können noch lange wachsen - aber nicht, indem wir immer fetter werden... (selbst wachsen - statt Wirtschaft und Technik als Kompensation wachsen zu lassen)

Ernst Heim

Literaturhinweis

Gregor Hochreiter / Langfristig Werte sichern


Mi-Won Kim / Grundlegung der Werte in der Lebenswelt des Menschen

Krise der Werte

Wer hat die Krise: "die Werte selbst" oder "jene Menschen, die ihre Werte selbst vernichten" ?

Mehr Wert

Was "wir" brauchen wissen die Götter. Ich brauche nicht mehr, sondern bessere Informationen. Und um bessere Informationen zu bekommen, suche ich bessere Informanten und bessere Medien (Informationsträger).

Information ist wie ein Virus. Noch nie war "Wissen" so wenig wert wie heute: weil es noch nie so viel davon gab - und es außerdem immer leichter verfügbar wird. Wissen ist nur ein schlechter Ersatz für Urteilsvermögen und eigenständige Denkfähigkeit - und zu einem ganzheitlichen Bewusstsein gehört vor allem auch das individuelle Empfinden. CB


Michael Twardosz

Göttliches Gesetz

HB sagt: "Ich sehe einen Wert vergleichsweise als göttliches Gesetz. Ein Wert = zB. Wahrheit, Gerechtigkeit u.ä. = ein göttliches Gesetz. So ist mein derzeitiger Standpunkt."

Ich selbst halte diesen Standpunkt zwar auch für mich für absolut vertretbar. Ich darf dabei aber nicht aus dem Auge verlieren, dass es selbst in unserem Kulturkreis (ganz zu schweigen von Asien) sehr viele Menschen gibt, die nicht an Gott glauben und daher schon gar nicht an konkrete göttliche Gesetze. Es reicht eben nicht, das mit Lamento zu verurteilen, wenn "moralisches" Verhalten von den Mitmenschen eingefordert werden soll. Wir haben es da ja mit Menschen zu tun, die - oft ohne es zu wissen - wie Nietzsche denken (vgl. z.B. Umwertung aller Werte). Das Konzept des "do ut des" scheint mir da viel zielführender.

Nun kann HB dagegen einwenden: Röm 2,14-15: (Einheitsübersetzung) „Wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab...“

So einfach ist es aber leider nicht. Die buddhistische Philosophie etwa, der "christlichen", westlichen durchaus ebenbürtig an Weisheit und Differenziertheit, kennt keinen persönlichen Gott. Daher gibt es in logischer Folge auch keine Sünde als Beleidigung Gottes durch Missachtung der von ihm uns auferlegten Gesetze. Diese Philosophie spricht von Ursache und Wirkung des individuellen Tuns. Für meine Gedanken, Worte und Taten habe ich kausal einzustehen. Das wird bekanntlich als das „Gesetz des Karma“ bezeichnet. (Der Buddha sagt: "Karma ... ist die Absicht." Die Absicht nämlich, die mit dem eigenen Wirken verbunden ist - vgl. dazu die katholische Definition von "schwere Sünde" Todsünde)

Wenig überraschen wird Sie daher auch, dass mich der Kantsche Kategorische Imperativ nicht zum Ziel führt und ich mich an dessen Kritik durch Schopenhauer halte (vgl. z.B. Kritik von Arthur Schopenhauer).

Deswegen kann ich mich zwar mit der Aussage von HB identifizieren, aber sie wird ihn nicht zu seinem (von mir unterstellten) Ziel führen, auch andere davon zu überzeugen.

Werturteile

Eugen Maria Schulak zitiert in einem Aufsatz (S.62) aus der „Nationalökonomie“ des Ludwig von Mises: « Denn „Werturteile“, so Mises, könne man „nicht beweisen und nicht in einer Weise rechtfertigen und begründen oder ablehnen und verwerfen, die jedermann, der logisch denkt, als gültig annehmen muss. Werturteile sind irrational und subjektiv, man kann sie loben und tadeln, billigen oder missbilligen, doch man kann sie nicht als wahr oder unwahr bezeichnen“. »

In diesem Zitat tut sich deutlich die grundlegende Fragestellung auf, die zu beantworten wäre, bevor über Moral, Ethik oder spezifische Werte philosophiert werden kann. Wir stehen vor einer Aufgabe, wie sie sich dem Missionar stellt, der nach seiner an die Kannibalen gerichteten Predigt nicht versteht, wieso er nun im großen Kochtopf gegart werden soll.

Um etwaigem Missverständnis vorzubeugen: ich habe persönlich durchaus einen Wertekatalog, der sich nur wenig von den relevanten päpstlichen Enzykliken unterscheiden dürfte (die gründlich zu kennen ich nicht behaupte), aber ich setze nicht voraus, dass meine römisch-katholischen Wertvorstellungen – wie das im europäischen Mittelalter noch der Fall war – als Allgemeingut gelten. (Abgesehen davon betrachte ich philosophische Fragen gerne zusätzlich aus buddhistischer Perspektive, was unerhört bereichernd sein kann, weil es sich um ein völlig anderes Denken handelt, als wir es wie selbstverständlich und kritiklos anwenden.)

Im Übrigen scheint mir noch wichtig, worauf Gregor Hochreiter in der gleichen Anthologie (S.72) hinweist: nämlich die Doppeldeutigkeit des Begriffes „Wert“. „Hier der moralische Wertbegriff, der aus katholischer Perspektive absolut und unveränderlich gesehen wird, da der relativistische ökonomische Wertbegriff.“ Wir reden hier vom moralischen Wertbegriff, nicht vom ökonomischen Wert eines Gutes, wenn auch (daher ja die Doppeldeutigkeit des Wortes) sehr wohl ein Zusammenhang besteht.

Krise der Werte

Das müsste man wohl in erster Linie den Autor des Leitartikels in der NZZ fragen, der seinem Text diese Überschrift gegeben hat.

Was mich betrifft, so meine ich: die Werte können keine Krise haben, denn sie sind nichts Absolutes, nichts, dem ein Eigenleben zugeordnet werden darf, abstrahiert von der Person, die diese Werte vertritt. Werte sind vielmehr nach meinem Verständnis gefrorene Meinungen von Einzelpersonen, die Allgemeingültigkeit beanspruchen wollen und - bei entsprechender Akzeptanz - können.

Es darf aber bei aller Konzilianz an die auf diese Weise entstandene "Mehrheitsgültigkeit" nicht die Gültigkeit des Satzes übersehen werden, wonach die Zahl der Köpfe die Zahl der Meinungen bedeutet: quot capita tot sententiae (auch: quot capita tot sensus). Der Katalog der Werte ist der Ausdruck der jeweiligen Individualität. Wer anderen Menschen seinen Katalog aufdrängen will mit der Begründung, es handele sich eben um absolute Wahrheiten, der fängt in seinem Netz einerseits die Jasager und Angepassten und andererseits diejenigen, die seine Ansicht aus Überzeugung teilen. Das macht die Beurteilung des Wertekatalogs so schwierig, denn welche der beiden zustimmenden Gruppen überwiegt?

Wer hingegen versucht, die eigenen Werte durch Überzeugung zu vermitteln, der hat nicht die Absicht, andere von seinem subjektiven Wertekatalog zu überzeugen, sondern Personen und deren Meinungen für sich zu gewinnen.

Noch deutlicher: manche versuchen andere zu überzeugen, dass es absolute Werte gibt, an die man glauben müsse; die anderen versuchen andere zu überzeugen, dass sie eine vernünftige Meinung vertreten, der sich das Gegenüber (zumindest bis zum Hervorkommen von Besserem) anschliessen könnte.

Ich neige übrigens dazu, die eine Haltung den Konservativen zuzuordnen, die andere den libertären Denkern.

Menschen die ihre Werte selbst vernichten, haben vielleicht bessere gefunden?! (Oder sie sind Jasager und Angepasste, die fremd denken lassen.)


Es freut mich, dass Sie einiges Gemeinsames in unseren Interessen feststellen konnten.

Dass v. Mises und v. Hayek im eigenen Lande und leider überhaupt in Europa an den Universitäten nicht sehr geschätzt werden (eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen: Jörg Guido Hülsmann) hängt freilich mit dem „Propheteneffekt“ zusammen, den Sie ansprechen, wohl aber auch mit dem Mainstream, der nur J.M. Keynes und Milton Friedman samt Epigonen zulässt.

Ich bin ziemlich sicher, dass man das hauptsächlich darauf zurückzuführen hat, dass auf der einen Seite alle linken Denker und Politiker dem Keynsianismus frönen. Auf der anderen Seite muss man bei aller Begeisterung und Hochachtung vor Mises sagen, dass seine Praxeologie in der letzten Ausprägung ein Irrweg war, was wohl auch Hayek dachte, vielleicht ohne es selbst wahrhaben zu wollen. Vgl. dazu in der hervorragenden Anthologie „Wirtschaft und Ethik“ (Hg. Herbert Pribyl, Heiligenkreuz 2009), Erich Streissler (S.53): „Hayek hat immer wieder so getan, als ob er ohne zu widersprechen seinen Lehrer Mises nur weiter ausführte, während er ihm in Wahrheit voll widersprach.

Rudolf Schmidheiny

Krise der Werte

Kann man Werte Vernichten? z.B. kann ich einen Gegenstand vernichten und damit mag er wertlos werden. Aber der Wert ist allein von meiner Einschätzung oder von dem Zweck abhängig, zu dem der Gegenstand geschaffen wurde, die Arbeit, die in die Herstellung z.B. eines Autos geflossen ist. Ob ein Auto neu oder verbraucht verschrottet wird, der materielle Wert ist derselbe (abzügliche die abgefahrenen Pneus und der abgenutzten Polster. Doch selbst jener Staub würde irgenwo noch in der Welt liegen und zu finden sein).

Ich behaupte mal, Werte könnten nicht vernichtet werden. Wahrheit bleibt Wahrheit. Wie hoch wir die Wahrhaftigkeit als Grundlage des einigermassen harmonischen Zusammenlebens einschätzen, das macht den Unterschied. Ähnlich könnte z.B. über Reinheit philosophiert werden. Unter Zigeunern könnte ein einfacher Wohnwagen höheren Wert haben als eine Luxusvilla, einfach, weil der sich nicht an das Leben in einer Villa gewöhnen kann oder will. Damit kommen wir dann schon bald eben zur Frage, welchem Gott oder Götzen zu dienen wir uns vorgenommen haben.

Ich habe da letzthin zwei Predigten gehört: "Wir wollen uns einen Namen machen" Genesis 11 oder "Gott macht uns einen Namen" Genesis 12 - Götzendienst oder Gottesdienst. Je nach dem ist es mir dann wichtig, dass mein Bild in der Zeitung, mein Name im Radio oder mein Bild am Bildschirm erscheint, dass ich protzen und klotzen kann, dass jeder sich umdreht, wenn mein Bolide auffährt usw.

Vermutlich verstehen wir uns. Wenn Gott Gott sein darf, dann bin ich nicht Gott. Wenn es Gott allenfalls nicht gäbe, dann müssen wir ihn erfinden und der nächstliegende wäre dann ich selber. Wäre ich aber demütig genug, allenfalls einsichtig, dann würde ich vielleicht noch mithelfen irgend einen Star (Pop, Sport, Polit, Sex, oder irgend sonst) zum Gott zu erklären, und ihm huldigen, mit allen Leibes- und Seelenkräften und mit allen meinen Sinnen, sogar mein Schwachsinn stände zur Verfügung.

Es gäbe jetzt noch die ganze ökonomischen Geschichten um Geldwertvernichtung, was ich, so viel ich weiss, mehr mit Zaubertricken zu tun hat als mit Vernichtung. Sind Börsen nicht so etwas wie hochoffiziell amtlich beglaubigte und kalibrierte, versiegelte und garantierte Sepekulationseinrichtung zur Übertölpelung derer, die da nicht mitzumachen gewillt sind oder denen man im voraus alle Mittel entzogen hat, je ein Wörtchen mitzureden?

Im Sozialstaat redet man von kollektivierter Verantwortung, bei der Börse von anonymer Verantwortungslosigkeit (Aktiengesellschaften heissen bei uns in der Schweiz französisch "sociétés annonymes").

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