Diskussion:Wissen schaffen

Aus wiki.comanitas.com
Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

Christoph Bösch

Progressiv, reaktionär - oder konstruktiv?

Was heißt reaktionär?

Ist es das Gegenteil von „progressiv“? Und heißt dann progressiv, dass man einen Weg, der einmal Fortschritte gebracht hat, immer weiter fortsetzen muss?

Weder konservativ zu sein, noch progressiv zu sein, sollte mE zum Selbstzweck werden. Es geht doch eher um die Frage, ob es etwas Neues gibt, das besser ist, als das Alte? (Und dann werden eben manche im Zweifelsfall eher für das Alte, andere eher für das Neue sein…)

In saturierten Gesellschaften spielt sich das Leben immer weniger in der Wirklichkeit, immer mehr in Vorstellungen ab. Es geht mehr um Theorie und Ideologie, weniger um das KONSTRUKTIVE Lösen von konkreten Problemen…

Der Stärkere hat Recht!

Der Staat (also nicht die Mehrheit, sondern eine anonyme Parteien-Bürokratie) ist stärker als der Einzelne; die Mehrheit dominiert die Minderheit. (Wenn der Staat die Beweislast umkehrt, sind plötzlich „Opfer“ und „Benachteiligte“ die Stärkeren… Der Wettbewerb dreht sich dann einfach um: nicht mehr um Erfolg wird gekämpft, sondern eben darum, wer der Ärmere oder das größere Opfer ist… Womit sich die Gesellschaft nicht mehr nach oben, sondern eben nach unten entwickelt.) Im Endeffekt setzen sich aber immer die Stärkeren, Schlaueren, Attraktiveren, Gesünderen durch... (Da kann man noch so viel umverteilen.) Nur wenn sie zu stark werden, verbünden sich wieder die anderen gegen sie. Dann sind eben jene die Stärkeren… Die Schwächeren sind zwar häufig die kreativeren, netteren, schöpferischen Menschen. Meist können sie sich aber nicht durchsetzen. (Das zeigen oft Schicksale von Künstlern oder Wissenschaftlern, die erst lange nach ihrem Tod in ihrer Bedeutung erkannt werden.) Der Staat sollte jedenfalls nie mehr sein als Schiedsrichter. Sobald er sich zu sehr einmischt, kommt es zur Unterdrückung.

Mehr Staat?

Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben?

„Wenn’s der Wirtschaft gut geht, geht’s uns allen gut“, hieß es. Scheint nicht ganz gestimmt zu haben… Wollen wir jetzt aber unser Heil wieder im Staatsfetischismus suchen? Für alles ein Amt, eine Vorschrift, eine Steuer? Marx heißt jetzt Keynes…

Noch nie hat die Menschheit in so kurzer Zeit so viel Natur zerstört, so viel Abfall produziert. (Und das ganze auch noch Wachstum und Fortschritt genannt.) Die Stunde der Grünen? Die Chance, Umverteilung, Bevormundung und Nivellierung über die Hintertür einzuführen?

Seit der Französischen Revolution ist der Glaube an Staat und Wissenschaft kontinuierlich gewachsen. Dieser Glaube war mit großen Erfolgen verbunden, stößt aber an Grenzen. Nicht alles ist plan- und machbar. Man kann auch nicht alles kaufen. Weder ökonomischer, noch wissenschaftlicher Materialismus sind Patentrezepte.

Wir brauchen mehr individuelle Verantwortung statt kollektiver Heilsideologien. Mehr Kreativität und Eigeninitiative - statt Soziologie und Marketing...

Der Mensch zerstört die Natur

… und wir alle müssen die Rechnung dafür bezahlen

Die Klimadiskussion dreht sich um Beweise und wissenschaftliche Gutachten, um Expertenmeinungen und demokratische Entscheidungen. Ideologie wird als Information ausgegeben; Information als Wissen. Letztlich jedoch, ist es vor allem eine Glaubensfrage. Und in Glaubensfragen ist jeder gut beraten, nur zu glauben, was er wirklich selbst glaubt… Sich also von niemandem etwas einreden zu lassen.

Gelogen, getäuscht, übertrieben und verzerrt wird in ideologisch aufgeladenen Kontroversen meist von beiden Seiten. Man polarisiert, projiziert Schuld und Verantwortung, leitet daraus Ansprüche und Forderungen ab. Meistens haben andererseits auch beide Seiten zumindest teilweise Recht. (Auch wenn man es nicht gern zugibt: Die anderen sind ja auch nicht ganz dumm.)

Manchmal kann gesunder Menschenverstand helfen: Die Bevölkerungsexplosion der letzten Jahrzehnte war atemberaubend; das Transportaufkommen, der Rohstoffverbrauch, die Abfallproduktion haben in gigantischem Ausmaße zugenommen. Meint man wirklich, dies alles könne ohne Folgen bleiben – und überdies auch noch ewig so weitergehen? Wir erleben eine der extremsten Epochen der Geschichte. Solche Epochen dauern meist nicht allzu lange. Und dann? Es folgen meist lange Phasen der Stagnation – oder dramatische Einbrüche.

Natürlich können wir die Wahrheit (also unsere Probleme) noch ein bisschen länger verdrängen, statt sie endlich zu lösen (was natürlich mit großen Anstrengungen, Verzicht und Opfern verbunden wäre) – doch es ist wie mit den exemplarischen öffentlichen und privaten Schulden: Je länger man wartet, desto teurer wird es.

Was wir unter Wachstum verstehen, ist längst kein Fortschritt mehr. Eher eine Sucht, die nach ständiger Dosissteigerung verlangt. Weil Konsum immer stärker zur Kompensation wird, zum Ersatz für das, was uns eigentlich jeweils wirklich fehlt… Und das bekämen wir wohl eher durch Umkehr - als durch weitere Flucht in Eskalation, Wettrüsten und Materialschlacht.

Die individuelle Revolution

Seit der Französischen Revolution sind Staat und Wissenschaft als äußere Autoritäten an die Stelle von Adel und Klerus getreten. Die eine Abhängigkeit wurde durch eine andere ersetzt. Vieles wurde dadurch angenehmer - aber, wie Benjamin Barber einmal sagte: "Die angegehmen Diktaturen sind die gefährlichsten!" (Denn, wie jede Droge, erfordern sie ständige Dosissteiegerung...)

Wäre es nicht vielleicht Zeit für uns, unabhängiger zu werden - also für eine individuelle Revolution? Die innere Autorität jedes Einzelnen könnte und müsste immer mehr die äußeren Autoritäten ersetzen… Der Staat und seine Institutionen, die Wissenschaft mit ihren immer stärker spezialiserten Experten, Verwaltung, Bürokratie und Infrastruktur: Stoßen wir nicht immer mehr an Grenzen der Plan- und Machbarkeit? Gewissen, Urteilsvermögen, persönliches Empfinden, Verstand und Bewusstsein für Zusammenhänge jedes Einzelnen, könnten an ihre Stelle treten.

Also individuelle Eigenständigkeit, Verantwortung, Freiheit - aber auch Respekt und Mitgefühl für andere Individuen, deren Freiheit, Autonomie und Autorität... (Sein Gewissen kann man überdies nicht so leicht manipulieren wie die eigenen Vorstellungen. Deshalb sollte die neue „innere Autorität“ wohl auch weniger im Kopf sitzen - sondern viel eher in Herz, Empfinden, persönlichem Gespür und Feingefühl.)

Autonomie und Vielfalt

Die einzige echte Minderheit ist das Individuum. Das Paradoxe: Individuen allein, können wenig bewegen; sie müssen sich also verbinden – aber nicht zu einem Kollektiv, sondern zu einer (Interessen-)Gemeinschaft der Individuen (Vorbildwirkung statt Bevormundung!)

Wir brauchen weder immer neue kollektive Ideologien, noch den geradezu magischen Glauben an die Selbstorganisation: denn diese findet letztlich meist auch nicht statt (und sei es deshalb, weil jeder auf die anderen wartet…) Natürlich muss eine „individuelle“ Revolution von innen kommen. Und sie liegt vielleicht auch schon in der Luft. Es kann aber nicht schaden, wenn es auch „äußere“ Katalysatoren, Impulse und inspirierende Visionen gibt! Jeder muss selbst gehen – aber warum soll nicht auch jemand als Vorbild voran schreiten...?

Bisher wurde immer eine Ideologie durch die andere, eine Institution durch die andere ersetzt – warum sollte es nicht einfach auch mit weniger Ideologie und weniger Institutionen gehen? Dafür jedoch mit mehr Augenmerk auf die innere Autorität jedes Einzelnen? (Und dadurch auch weniger Abhängigkeit von den immer stärker bröckelnden Infrastrukturen...?)

WIR müssen uns ändern - nicht "die" anderen...

„Fortschritt und Wachstum“ werden immer mehr zur kompensatorischen Prothese, zur Sucht nach Ersatzbefriedigungen. Der Staat mag uns gegenüber dem Adel, die Wissenschaft gegenüber der Kirche emanzipiert haben – doch nun sind wir dafür Sklaven von Bürokratie, Expertokratie und Konsumdiktatur... Wir haben mehr Rechte, mehr Geld, mehr Wissen denn je – und sind dennoch (oder gerade deshalb) so fremdbestimmt und abhängig wie selten zuvor. Dennoch wollen die meisten ihren Glauben an äußere Autoritäten, an die Plan- und Machbarkeit von fast allem, noch nicht aufgeben. Da die Probleme andererseits immer größer werden, spielen wir eben mit ihnen Schwarzer Peter. Wir polarisieren dabei immer stärker - und schieben einander gegenseitig die Schuld zu, für all die Nebenwirkungen von wachsender Technisierung, Bürokratisierung und Konsumabhängigkeit.

Die NEUE Welt?

Die letzten Jahrhunderte waren von den Folgen der Aufklärung und der Französischen Revolution, des technischen Fortschritts und materiellen Wachstums, von Staat und Wissenschaft geprägt. Die Bevölkerung ist explodiert, die technologischen Innovationen waren atemberaubend, der Konsum hat sich vervielfacht. Unabhängig von umstrittenen Grenzen des Wachstums: sind subjektive Zufriedenheit, Lebensqualität und Lebensfreude ebenso gewachsen? Wohl kaum, jedenfalls zunehmend weniger.

Wer leben in einer Periode des Wandels, stehen aber vielleicht erst vor noch größeren Veränderungen, möglicher Weise sogar einem Epochewandel. Die Welt wird nicht untergehen – und auch das goldene Zeitalter nicht ausbrechen. (Denn warum sollte das gerade jetzt passieren – nur weil WIR es sind, die jetzt leben?) Wenn man jedoch die Geschichte betrachtet, so haben Zeiten der Extreme, der Blüte, des Außergewöhnlichen, nie allzu lange gedauert. Dann kamen wieder längere Phasen der „Normalität“.

Das Zeitalter der „Plan- und Machbarkeit“ dürfte sich seinem Ende nähern. Für alles gab es eine Institution, einen Experten, die entsprechende Infrastruktur. Alles perfekt organisiert, basierend auf unzähligen Verträgen, auf Arbeitsteilung und Hierarchien. Für alles gab es eine Autorität: Staat und Wissenschaft lösten dabei Adel und Kirche ab. Es war bequem - aber wir wurden auch immer abhängiger...

Doch auf die äußeren Autoritäten ist nun immer weniger Verlass, die Infrastruktur bröckelt, die Konflikte nehmen zu (weil immer mehr Menschen immer mehr erwarten – dafür jedoch immer weniger zu tun bereit zu sein scheinen.) Die meisten haben nie etwas anderes erlebt als Wachstum, Fortschritt, Erleichterung des eigenen Lebens. Daran gewöhnt man sich – und gibt anderen die Schuld, wenn es einmal nicht mehr ganz so glatt läuft. Dann wird polarisiert und die Verantwortung auf andere projiziert.

Wir bräuchten vielleicht eine INDIVIDUELLE Revolution: basierend auf der persönlichen, inneren Autorität jedes Einzelnen. Individualismus, aber auch Empathie. Die Bereitschaft, sich auch in andere Individuen hinein zu versetzen, mitzufühlen. Stattdessen erleben wir eher etwas wie eine Inquisition der politisch Korrekten und „Aufgeklärten“ – ein letztes Aufbäumen gegen das Neue. (Auch Religion gibt es immer öfter nur noch in Form von Fundamentalismus.)

Doch das Neue wird kommen, es wird nicht leicht sein, aber auch manche Verbesserung bringen – ob wir wollen oder nicht.

Wissenschaft und Staat – die beiden Grundübel

Das Zeitalter der Plan- und Machbarkeit, des materialistischen Kollektivismus, der institutionellen Infrastrukturen, ist vorbei. Staat und Wissenschaft sind Geschwister. (Parteien und "Experten" - mit den Medien als ihren Cousins, als Dritte im Bunde.) Sie entmündigen die individuelle, innere Autorität des Einzelnen. Bevormunden und manipulieren ihn. Es ist Zeit für eine individuelle Revolution! Die Französische Revolution war die Geburt der Herrschaft von Staat und Wissenschaft. Ihre Zeit ist vorbei. Es gibt keine kollektiv gültigen Patentrezepte (mehr). Der Materialismus wird entzaubert. Die Vollendung der Globalisierung bedeutet zugleich die Grenze der Wachstums- und Fortschrittsideologie des ökonomischen und wissenschaftlichen Materialismus. Das Zeitalter des Subjektiven steht bevor. "Autonomie in Vielfalt", lautet das neue Motto.

Früher Thron und Altar

- dann Staat, Markt und Wissenschaft – und jetzt?

Hat das (Spieß)Bürgertum ausgedient?

Was ist eigentlich so faszinierend an der Marktwirtschaft? Eine Welt, in der man alles (ver)kaufen kann, vermittelt ein Gefühl von Sicherheit und Freiheit. Man ist relativ unabhängig, solange man Geld – oder etwas zu verkaufen – hat. Nicht auf das Wohlwollen anderer angewiesen. Weniger verletzlich. Es hat außerdem fast etwas Metaphysisches: der Markt regelt praktisch alles. Wir müssen uns keine Sorgen machen – nur kaufen und verkaufen. Es ist egal, ob man nett oder attraktiv ist, mehr oder weniger geliebt wird. Geld gleicht jedes Defizit aus. Eine ganz einfache Rechnung…

Beim Staat wiederum, wird einfach der Einzelne durch das Kollektiv ersetzt. Leider werden die Institutionen wegen Überforderung (und weil sich die Leute immer weniger bevormunden lassen wollen) früher oder später zusammenbrechen. Letztlich das Ende des Bürgertums. Wir werden auf uns selbst zurück geworfen. Doch es wird wohl nicht genügen, lediglich ein nutzenmaximierender Einzelkämpfer zu sein. Auch Kooperation ist ein Erfolgsfaktor, genauso wie Konkurrenz. Liebe, Freude, Zufriedenheit, kann man meistens weder kaufen, noch staatlich verordnen… Geglücktes Leben ist auch eine Kunst - nicht nur eine Frage von Technik, Anstrengung, Schläue oder institutioneller Planung und Regelung.

Jeder Mensch also ein Lebens-Künstler?

Fortschritt

Was wir halt so unter Fortschritt verstehen…

Geht es uns dabei spürbar besser? Werden wir gescheiter, gesünder, attraktiver – kommen wir besser miteinander aus? Oder verbrauchen wir mehr Ressourcen, produzieren mehr Abfall, werden süchtiger nach Konsum und Ersatzbefriedigungen? Ermächtigt uns der Fortschritt, bringt er uns Würde, Freiheit und Unabhängigkeit? Macht er uns zufrieden - friedlich? Oder ist er eine Prothese – eine Kompensation für empfundene Unzulänglichkeiten, Kränkungen, Niederlagen...?

Erhöht der Fortschritt unsere Kultur des Zusammenlebens; verbessert er unsere Beziehung zur Natur?

Wir wissen die Antworten… (Doch wir verdrängen sie; ziehen keine Konsequenzen; spielen Schwarzer Peter mit der Verantwortung...) Fortschritt ist eine Ideologie - genauso wie Wachstum. Materialismus, Kollektivismus, Illusionismus.

Integrativ und ganzheitlich

Ich bin der Meinung, wir müssen etwas ganz Neues erfinden. Eine Mischung aus Philosophie, Kultur(theorie), Religion und politischem Konzept. Integrativ und ganzheitlich. Denn ganzheitlich heißt letztlich nachhaltig – und das heißt ja wiederum ehrlich… (Und die Wahrheit ist doch meist das Unangenehme – und Werte sind doch letztlich Dinge, für die man (ein) Opfer bringt…

Das was nicht verdrängt wird, nennt keiner groß „Wahrheit“ – und das, was nicht mit Opfern verbunden ist, nennt keiner doch groß „Werte“… DAS müsste man auch vermitteln…

Dass es oft nicht darum ginge, Lösungen zu finden – sondern dass es diese Lösungen nicht umgesetzt werden, weil sie unangenehm sind. Doch je länger man wartet, desto unangenehmer wird es meist! Und zwar deshalb, weil ja die anderen AUCH keine Opfer bringen wollen… Wodurch aber für alle die Wahrheiten immer unangenehmer und die Opfer immer größer werden.)

Und solche Dinge zu vermitteln, dafür waren früher Religion, Philosophie und Kunst zuständig. Die machen aber jetzt nur noch Soziologie und Ideologie. Also fehlt was. Der Kommerz allein kann das auch nicht ersetzen. Der Staat erst recht nicht. Und pragmatisierte Experten auch nicht…