Eduard Stäuble

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Inhaltsverzeichnis

Person

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geb. 12.02.1924, Prof. Dr., freier Publizist, St.Gallen, gest. 25.03.2009

Leitspruch: « Vo nünt chunt nünt. »

Zitat: « Jeder der sich selbst verbessert, dient der Menschheit mehr als tausend, die die Welt verbessern wollen. » Woldemar Muischneek, Baden 2009

Merkwürdiges

Die Schweiz in der Sackgasse

oder Die Zukunft der Volksrechte

Stäubles Schrift zeigt den Erosionsprozess, dem unsere Volksrechte in den letzten zehn Jahren ausgesetzt sind. Je länger die schleichende Anpassung andauert, desto mehr Beitrittshindernisse werden eliminiert, so dass am Schluss alle Stolpersteine aus dem Weg geräumt sind und der Anschluss an die EU «auf stillem Wege» zustande kommt, ganz im Sinne der von den Bundesräten Leuenberger und Calmy-Rey offen gelegten bundesrätlichen Strategie der schrittweisen Eliminierung aller unserer Freiheitsrechte.

Es ist höchste Zeit, jetzt die Notbremse zu ziehen. Möge diese Schrift dazu dienen, die Hinterhältigkeit des üblen Spieles aufzudecken und unser Volk hellhörig zu machen, bevor es zu spät ist.

Robinson war ein Irrtum

Unsere Zeit ist überaus komplex und kompliziert geworden. Als Zeitgenosse hat man oft Mühe, sich im Labyrinth der sich überstürzenden Ereignisse zurechtzufinden.

Eduard Stäuble nimmt mit grosser Aufmerksamkeit am Zeitgeschehen teil und setzt sich journalistisch mit ihm auseinander. Die Essays in diesem Buch befassen sich mit aktuellen Fragen unseres Lebens: Ist der Mensch von Natur aus gut? Was heisst Chancengleichheit? Gibt es einen Fortschritt? Was bewegt die Jugend? Ist das Cliché von links und rechts noch sinnvoll? Das sind Fragen, auf die Eduard Stäuble Antworten sucht.

Umweltschutz, Fair play, Verantwortung des Journalisten, die Bedeutung der Geschichte, der Dichter als Visionär, Gottfried Keller und die Zukunft der Schweiz sind weitere Schwerpunkte dieses Buches, die der Autor kompetent und pragmatisch, anschaulich und temperamentvoll angeht. Fazit seiner Erfahrungen und seines Denkens: In allem und überall kommt es auf den einzelnen Menschen an. Wir gehen fehl, solange wir die Lösung unserer Probleme in Theorien und Ideologien, in Organisationen und Strukturen suchen. «Jeder, der sich selbst verbessert, dient der Menschheit mehr als tausend, die die Welt verbessern wollen», lautet die Botschaft dieses Buches.

  • Arborea Verlag, Zürich 1991

Denkzettel

« In unserer Gesellschaft geht der Eigensinn immer mehr verloren. Wir sind durch die Medien, Radio und Fernsehen, in der Familie, im Freundeskreis, in Vereinen, am Stammtisch ständig einem Hagel von Informationen und Indoktrinationen ausgesetzt, die uns fremde Gedanken einhämmern. Wir merken es schon kaum mehr, wenn wir den immer gleichen Schlagwörtern, den unbewiesenen Behauptungen und den raffinierten Lügen zum Opfer fallen, wenn wir hohle Phrasen nachplappern und uns von fremden Meinungen beherrschen lassen. Es wird uns kaum mehr bewusst, wie sehr wir einer geheimen Gehirnwäsche verfallen, wir passen unsere Gedanken dem allgemeinen Denken an. Wir wagen nicht mehr eigene Gedanken zu haben. Wir haben mehr und mehr den Mut zum eigenständigen Denken verloren. Wir wagen kaum mehr ein eigenes freies Wort. Wir erliegen unmerklich einem allgemeinen Konformismus. Das ist eine der grossen Gefahren für unser Land. Freiheit der Gedanken und Freiheit des Redens sind unverzichtbar für unsere geistige und politische Wohlfahrt. Wir müssen wieder den Mut zur eigenen Meinung haben und müssen es wagen sie unnachsichtig gegen das allgemeine Geschwätz zu vertreten. Wir müssen wieder den Mut haben, uns unbeliebt zu machen. Lassen wir uns nicht einschläfern durch ein modisches Geschwätz. Gegen einen tyrannischen Zeitgeist hilft nur ein energischer Eigensinn. Mehr Mut zum Eigensinn ist nötig in einer Zeit, die uns mit gesellschaftspolitisch linken Theorien und Parteiprogrammen betäuben will. Selber denken muss wieder Mode werden. »

Bekenntnis zum Sonderfall

Die Schweiz - ein Kunstwerk

« Als 1919 achtzig Prozent der Vorarlberger für einen Anschluss an die Schweiz stimmten, hat die Schweiz diesem Wunsch nicht entsprochen. »

Herausforderungen der Gegenwart

Aber keinem Kunstwerk ist Ewigkeit gewährleistet. Auch der Schweiz nicht. Wie jedes Kunstwerk ist auch sie den Gefahren des Zerfalls und der Zerstörung ausgesetzt. Das gemeinsame geschichtliche Schicksal verbindet uns zur Willensnation Schweiz. Es gibt die Schweiz nur so lange, wie die Schweizerinnen und Schweizer es wollen. Wie weit dieser Wille noch vorhanden ist, zeigt sich darin, wie wir mit den Errungenschaften und Besonderheiten unseres Staates umgehen: Kennen wir überhaupt noch die Geschichte dieses Landes gut genug? Mit dem Geschichtsunterricht in unseren Schulen ist es miserabel bestellt.

Wie weit sind wir noch bereit, unsere Rechte und Pflichten als Staatsbürger verantwortungsvoll wahrzunehmen? Die Stimm- und Wahlbeteiligungen lassen oft auf eine bedenkliche staatsbürgerliche Gleichgültigkeit schliessen.

Wie stark und ungebrochen ist heute noch der Wille, die Souveränität des Volkes in der Eidgenossenschaft zu erhalten?

Ist das Bekenntnis zum Kleinstaat noch ungebrochen? Es gibt Leute, die aus Feigheit oder Angst, aus einem Gefühl der Minderwertigkeit, aus einem falsch verstandenen Bedürfnis nach Grösse und in der Illusion, wir könnten Mitspieler im Kreis der Grossmächte werden, bereit wären, diesem Druck nachzugeben und die Schweiz der EU zu opfern.

Und die Neutralität? Im Bundesrat wurde die ebenso fragwürdige wie gefährliche Formel von der «aktiven Neutralität» erfunden. Sie sollte uns zum Beispiel erlauben, bewaffnete Schweizer Truppen zur «Friedenssicherung» in fremde Kriegsgebiete zu schicken.

Und wie halten wir es mit der Urzelle unserer Demokratie, mit der Gemeinde? Es geht auch eine Welle von Gemeindefusionen durch das Land. Man will alles gleichschalten: die Steuern, das Bildungswesen, die Raumplanung, das Gesundheitswesen. Alles soll über den gleichen Leisten geschlagen werden. Die Kantone wollen einen Einheitsbrei und üben damit Verrat am Föderalismus. Wobei es überhaupt nicht erwiesen ist, dass grosse Gemeinden finanziell und kulturell gesünder und leistungsfähiger sind als kleine. Oft gilt vielmehr: je grösser die Gemeinde, umso grösser ihre Probleme. Die Abschaffung der Gemeinden würde zu einem immer zentralistischer gelenkten Staat führen.

Es gilt heute mehr denn je das Wort von Alexis Tocqueville (1859): « Die Kraft der freien Völker beruht in den Gemeinden; ohne umfassende Gemeindeautonomie kann es keine freiheitliche Regierung geben ».

Noch von vielem müsste die Rede sein: vom verwirrenden Einfluss der heutigen Medien auf die Bürgerinnen und Bürger, von der Überbevölkerung des kleinen Landes, vom Missbrauch der Asylpolitik, von den überbordenden Staatsschulden, von den Irrwegen eines überforderten Sozialstaates, von der lähmenden Bürokratie, vom gestörten Schulwesen, von den Aufösungserscheinungen im ganzen Familien und Erziehungswesen — und von noch so manchem. Es gibt viel zu tun, wenn wir dieses « weltweit einzigartige politische Kunstwerk » nicht selber zugrunde richten wollen.

1948, zur Feier des hundertjährigen Bundesstaates von 1848, hielt unser grosser Staatsdenker Karl Schmid an der ETH eine Ansprache, die er mit den Worten schloss: « Denn dass dieser Staat von 1848 noch immer ist, und so ist, das ist nichts Geringeres als ein Wunder ».

Ob Wunder, oder Kunstwerk, die Schweiz war im Laufe ihrer Geschichte immer wieder in Gefahr. « ... denn alles ist vergänglich und dem Wechsel unterworfen auf dieser Erde, » schreibt Gottfried Keller im « Fähnlein der sieben Aufrechten » und stellt sich selber die Frage: « Oder sind nicht viel grössere Nationen untergegangen, als wir sind? »

Ob Wunder oder politisches Kunstwerk — gegen ihren möglichen Untergang ist die Schweiz nur so lange gefeit, als es genügend Schweizerinnen und Schweizer gibt, die sich felsenfest entschlossen für die Zukunft unseres Landes einsetzen.

  • Die Schweiz - Kunstwerk, Wunder, Sonderfall ? 2007

Nichts Geringeres als ein Wunder

Noch von vielem müsste die Rede sein: vom verwirrenden Einfluss der heutigen Medien auf die Bürgerinnen und Bürger, von der Überbevölkerung des kleinen Landes, vom Missbrauch der Asylpolitik, von den überbordenden Staatsschulden, von den lrrwegen eines überforderten Sozialstaates, von der lähmenden Bürokratie, vom gestörten Schulwesen — und von noch so manchem. Ich muss es beim Hinweis auf diese aktuellen Probleme bewenden lassen. Es gibt viel zu tun, wenn wir dieses «weltweit einzigartige politische Kunstwerk Schweiz» nicht selber zugrunden richten wollen.

1948, zur Feier des hundertjährigen Bundesstaates, hielt unser grosser Staatsdenker Karl Schmid an der ETH eine Ansprache, die er mit den Worten schloss:

«Denn dass dieser Staat von 1848 noch immer ist, und so ist, das ist nichts Geringeres als ein Wunder.»

Heute, sechzig Jahre später, scheint mir dieses Wunder in Gefahr.

  • Die Schweiz - ein « politisches Kunstwerk » ? Beromünster 2007

Fundamentalismus

– ein perfides Schlag- und Schimpfwort

Professor Dr. Eduard Stäuble hielt im Rahmen einer Veranstaltung des Vereins «Medien-Panoptikum» einen stark beachteten Vortrag über «Politik mit verfälschten Begriffen». Wir geben im folgenden seine Ausführungen zum arg missbrauchten Begriff «Fundamentalismus» wieder. Schlagworte kommen und gehen. Manchmal gehen sie allerdings nicht mehr, sondern bleiben als sprachliche Falschmünze im Umlauf. Dabei richten sie erhebliche Verwirrungen und gefährliche Denkschäden an. Ein solches Schlagwort ist der Begriff «Fundamentalismus», den man sich heute im Kampf der Meinungen ziemlich wahl- und gedankenlos um die Ohren schlägt. Er ist zu einem ärgerlichen Allerwelts-Schimpfwort geworden.

Wer heute noch eine fundierte und entschiedene Meinung vertritt, wer eine klare und grundsätzliche Haltung beweist, auf die man sich verlassen kann, der wird heute gleich als «Fundamentalist» abqualifiziert. Jeder, der noch eine verlässliche Überzeugung an den Tag legt, der seinen Mantel nicht gleich in jeden Wind hängt, wird heute flugs zum «Fundamentalisten» erklärt. Man sagt «fundamentalistisch» und meint damit: stur, fanatisch, rechthaberisch, reaktionär, rückständig, fortschrittsfeindlich, unduldsam und halsstarrig. Der Begriff Fundamentalismus hat sich zu einem rein negativ aufgeladenen Mode-Schlagwort entwickelt, mit dem auf unerträgliche Weise Schindluder getrieben wird.

Dabei hat der Begriff sowohl sprachlich wie von seiner historischen Herkunft her einen durchaus positiven Sinn. – Der Begriff kommt aus Amerika, wo er vor etwa hundert Jahren entstanden ist. Dort haben sich strenggläubige protestantische Kreise gegen das Eindringen eines naturwissenschaftlichen Denkens in die Bibelerklärung zur Wehr gesetzt. Sie lehnten es empört ab, dass an die Stelle des biblischen Schöpfungsberichtes die Darwin’sche Entwicklungslehre treten sollte. Sie beharrten auf der wörtlichen Gültigkeit der biblischen Texte. Das waren für sie alles «Fundamentalien» (Grundwahrheiten), an denen sie nicht rütteln lassen wollten. Die Bibel galt ihnen als reines, unverfälschtes Gotteswort, das es vor falschen Deutungen zu bewahren galt. Sie nannten sich daher selber «Fundamentalisten» und waren stolz darauf, es zu sein. Für sie war Fundamentalismus ein Ehrenwort, kein Schimpfwort.

Auch sprachlich haftete dem Begriff überhaupt nichts Negatives an. Im Gegenteil: Das Fundament ist der tragende und verlässliche Grund, auf den sich ein Haus bauen lässt. Kein vernünftiger Mensch würde sein Haus auf Sand oder Sumpf errichten. Zum Schimpfwort degradiert wurde es erst in allerjüngster Zeit, und zwar im Zusammenhang mit der Machtergreifung fanatischer islamischer Mullahs im Iran. Ihnen wurde von unseren Medien ganz plötzlich die Bezeichnung «Fundamentalisten» angehängt. (Arnold Hottinger, der bekannte Islam-Kenner, hat diesen Begriff nie verwendet, sondern vorgeschlagen, die fanatisch orthodoxen Mullahs als «Islamisten» zu bezeichnen und ihre unduldsame Haltung «islamistisch» zu nennen.)

Zwar bildet auch der Koran durchaus das Fundament, auf dem sich ein streng islamischer Glaube aufbaut. Aber wenn man das bereits als «Fundamentalismus» bezeichnen könnte, wären auch das Christentum, das sich auf die Bibel stützt, oder das Judentum, das sich streng an die Thora hält, oder sogar der Marxismus, der unverrückbar im «Kapital» von Marx verankert ist, nichts anderes als «Fundamentalismen». Selbst jede Partei, die sich ein verbindliches Grundsatzprogramm gibt, machte sich dann des Fundamentalismus verdächtig. So landet man schliesslich bei jenem Allzweck-Fundamentalismus, der ein wunderbares neues Feindbild hergibt, dem man alles unterschieben kann, was nicht der eigenen Meinung entspricht.

Dass der Begriff Fundamentalismus derart zu einem Mode-Schlagwort verkommen konnte, beweist nur, wie wenig heute noch Grundsätze wert sind. Man hat religiös, politisch und ethisch schon längst allen Boden (das Fundament) unter den Füssen verloren. Man denkt pluralistisch und permissiv: Alles ist möglich, alles ist erlaubt, alles ist gleichwertig und gleich-gültig. Auf vielen Gebieten ist alles in Auflösung begriffen. Wir leben im Zeitalter der Auflösung. Und wer noch ein Quentchen persönliche Überzeugung im Leibe hat, den stellt man zu seiner Schande in die «fundamentalistische Ecke». In diesem verfälschten und verfälschenden Sinn hat sich der Begriff geradezu epidemisch ausgebreitet. Er ist eine praktische Wortkeule zur Diskriminierung aller Andersdenkenden geworden. Der Begriff hat heute überhaut keinen brauchbaren Erklärungswert mehr. Er dient nur noch der ideologischen Manipulation.

Die Schweiz und die geistige Situation der Gegenwart

Im Anfang war der Zweifel

An dieser Stelle muss ich Sie nochmals an das Bild vorn «Strom der Zeiten» erinnern. An grossen Flüssen sind manchmal am Ufer Tafeln angebracht, welche von Zeit zu Zeit den Schiffen melden, wie weit es noch sei bis zur Mündung ins Meer: Ufermarken. Wenn Hermann Hesse sagt, unsere geistige Situation von heute habe ihren Ursprung am «Ausgang des Mittelalters» und der Geist habe sich am Ende unserer Epoche «plötzlich dem Nichts gegenüber» befunden, so setzt er damit zwei entscheidende Ufermarken im Strom unserer Geschichte: «Am Ausgang des Mittelalters» und «plötzlich dem Nichts gegenüber». Was haben wir darunter zu verstehen? Was ist denn passiert, dort «am Ausgang des Mittelalters», das so wichtig wäre, dass es bis in unsere Zeit nachwirkt und unsere geistige Situation noch heute prägt? Auch die geistige Situation der Schweiz; denn wir schwimmen ja mit in diesem «Strom der Zeiten».

Jene Ufermarke «am Ausgang des Mittelalters» trägt einen Namen, an den erinnert werden muss, wenn wir unsere heutige Lage erhellen wollen. Der Mann, um den es geht, heisst René Descartes. Er lebte von 1596 bis 1650. René Descartes gilt heute allgemein als «Vater der modernen Philosophie». Sein Hauptwerk «Discours de la méthode» erschien 1637 und gab das Zeichen zum Beginn eines modernen Denkens. Es hatte für die abendländische Welt unerwartete und unvorhersehbare Folgen. René Descartes war ein grosser Denker an der Wende der Zeiten. Er markiert wie kaum ein anderer den Anfang jener Neuzeit, in der wir heute noch leben, deren Kinder wir sind.

Descartes war eigentlich Mathematiker. Es ist nicht unwichtig, dies zu wissen. Denn als Mathematiker liebte er die Klarheit und Gewissheit. Für den Mathematiker betragen die drei Winkel eines Dreiecks 180 Grad. Das kann man beweisen, und damit basta. Descartes hatte eine Liebe zur Klarheit und eine Leidenschaft für die Gewissheit.

Wie war denn das vor ihm? Religion und Philosophie des Mittelalters fanden den ursprünglichen Ort der Gewissheit in Gott, sie lebten von Gott her und auf Gott hin. Gott war die Zentralmacht allen Denkens und Glaubens. Das änderte sich um die Zeit, als Descartes auftrat. Er hat als erster den Zweifel zum Ausgang seines Denkens gemacht. Als sicher und wahr sollten nur Dinge gelten, «über die es keinen Zweifel mehr gab». Er zweifelte buchstäblich an allem. Nichts mehr war für ihn unanzweifelbar gewiss. Alles war für ihn der Fraglichkeit ausgesetzt. Bis er mit seinem Denken schliesslich dort anlangte, wo es seiner Ansicht nach nichts mehr zu bezweifeln gab: bei seiner eigenen Existenz als denkendes Wesen. Wer zweifelt, der denkt. Wer zweifelt und denkt, muss offenbar als Zweifler und Denker existieren. Das führte ihn zu dem berühmten Schluss, den Sie alle kennen: «Cogito ergo sum» (Ich denke, also bin ich).

  • Die Schweiz und die geistige Situation der Gegenwart, Flaach 1999, S8f

Verantwortung: Grenzen der Freiheit

Ich glaube zu wissen, was Sie jetzt im Stillen so denken. Sie stellen die berühmte Kästner-Frage: «Wo bleibt das Positive?» Und Sie möchten gerne hören, was zu tun wäre, um aus der fatalen geistigen Situation der Gegenwart herauszukommen. Erwarten Sie, bitte, keine Weltverbesserungsvorschläge von mir. Ich bin kein heilbringender Missionar. Ich kann Ihnen allenfalls sagen, was ich so denke. Dabei komme ich nochmals auf das Hesse-Zitat zurück, wo es heisst, der Mensch der Neuzeit geniesse zwar eine «unerhörte» Freiheit, aber diese Freiheit sei «ihm selbst nicht mehr erträglich» geworden. Eine unerhörte, grenzenlose Freiheit ist dem Menschen eben nicht zuträglich. Dem Einzelnen ebenso wenig wie der Gesellschaft. Wir haben uns zu sehr gewöhnt an die bequeme Maxime, nichts sei wahr und alles sei erlaubt. Sie hat sich als verhängnisvoll erwiesen. Wir müssten sie durch eine andere ersetzen. Wir sollen, dürfen und müssen unsere Freiheit lieben, aber nur darum, weil sie uns erlaubt, das zu tun, was getan werden muss. Das heisst: Es darf keine Freiheit geben ohne Verantwortung. In der Verantwortung findet die Freiheit ihre Grenzen. Wenn wir grundsatzlos handeln - heute so, morgen so - handeln wir verantwortungslos. Wir können nicht immer nur noch mehr Menschenrechte fordern und dabei die Menschenpflichten vergessen. Wir tragen Verantwortung für alles, was wir tun und lassen. Verantwortungsvolles Denken steht im Gegensatz zu nihilistischer Grundsatzlosigkeit. Verantwortung ist ein grosses Wort und es müsste wieder in dreifachem Aspekt unser ganzes Leben umfassen: als Selbstverantwortung, als soziale Verantwortung und als religiöse Verantwortung. Wenn wir verantwortlich sind, müssen wir uns fragen: Wofür eigentlich und gegenüber wem? Das ist eine Kernfrage, um die kommen wir nicht herum, wenn wir einsehen wollen, woran es uns mangelt in diesem Zeitalter der Auflösung. Der Mensch ist zunächst für sich selbst verantwortlich. Aber er selber kann unmöglich die eigene oberste zuständige Instanz sein, der gegenüber er verantwortlich ist. Der Mensch sei «ein Wesen voller Irrtum», hat Blaise Pascal einmal gesagt. Der Mensch ist ein viel zu schwaches und unzuverlässiges Wesen, als dass er seine eigene höchste Instanz sein könnte. Wir sind auch nicht nur Einzelwesen. Wir leben mit andern Menschen zusammen und sind in der Familie und in der Gesellschaft den andern Menschen gegenüber verantwortlich. Doch auch die Gesellschaft hat nicht die höchste Legitimation, von uns Verantwortung zu fordern. Dazu ist die Gesellschaft selber ein viel zu heterogenes und zu chaotisches Gebilde.

Verantwortung, wenn sie allgemein verbindlich und einklagbar sein soll, verlangt nach einer dem einzelnen Menschen und der Gesellschaft übergeordneten Instanz, die allein uns zur Verantwortung ziehen kann. Verantwortung müsste letzten Endes religiös verankert sein, wenn sie eine unwandelbare und dauerhafte Verpflichtung sein soll. Hier sind wir vor die Frage des Glaubens gestellt. Ich meine, man kann es nicht deutlicher sagen, als es Karl Jaspers schlicht und einfach formuliert hat: «Der Mensch lebt nicht ohne Glauben». Den Nihilismus, sagt Jaspers, gebe es «doch nur als Gegenpol zu einem möglichen, aber verneinten Glauben.» Selbst bei Max Frisch, von dem wir es wohl am wenigsten erwarten würden, lesen wir in seiner schönen Erzählung «Bin oder Die Reise nach Peking»: «Es fehlt so ein Ding, das die Achtung wohl aller besässe, eine zweifellose und gemeinsame Achtung für jeden Fall ... ich glaube wirklich, es fehlt uns nur am lieben Gott.»

  • Die Schweiz und die geistige Situation der Gegenwart, Flaach 1999, S29f

Modelle oder Legenden

  • Die Schweiz und Österreich – Modell oder Legende ? Auszug aus dem Vortrag bei der Österreichischen Forschungsgesellschaft am 2. April 1986 in Wien, S19ff

Modell der Schweiz

Die Demokratie sei noch die beste von allen schlechten Regierungsformen (so oder ähnlich soll sich Churchill einmal geäußert haben). Das gilt erst recht von der Demokratie nach schweizerischem Modell. Wer ihre Vorteile will, darf ihre Nachteile nicht scheuen – jedenfalls solange nicht, als die Vorteile die Nachteile überwiegen …

Zum Modell der Schweiz gehört nun einmal die Gemeindeautonomie (die Gemeinde als Keimzelle des Staates), gehört der Föderalismus (und damit die Selbständigkeit der Kantone, bzw. der Länder), gehört ein Zweikammersystem (in dem die Länderkammer die gleichen Machtbefugnisse hat wie die Volkskammer und in beiden gilt kein „Clubzwang“), gehört eine Regierung als Kollegialbehörde (für alle wichtigen Entscheide haftet die ganze Regierung – drum lag nach dem negativen UNO-Entscheid (1986) kein Grund vor für einen Rücktritt des Außenministers), es gehört dazu der Verzicht auf einen mit Machtbefugnissen ausgestatteten Staatspräsidenten (unser Bundespräsident und als solcher der jährlich wechselnde Vorsitzende der Regierung), zum Modell Schweiz gehören Initiativen und Referenden, gehören die vielen Volksabstimmungen auf den 3 Ebenen: Gemeinden, Kantone, Bund, und zum Modell Schweiz gehört auch eine vielfältige Parteienlandschaft, in der jeder Bürger zwischen „Links“ und „Rechts“ irgendetwas Passendes findet. Bei unseren Nationalratswahlen treten neben den zehn größeren Parteien oft nochmals ebenso viele kleinere Parteien auf. Dabei kommen in der Bundesverfassung die Parteien überhaupt nicht vor. Man braucht sie zwar als unentbehrliche Helfer zur Meinungsbildung, aber in der Gunst der Bürger stehen sie keineswegs sehr hoch; nur etwa zehn Prozent der Schweizer gehören als eingeschriebene Mitglieder einer Partei an.

Modell in Österreich

Dies und noch manch anderes gehört zum Modell Schweiz, das seit einiger Zeit als Vorbild (viel bewundert, viel gescholten) durch die innenpolitische Diskussion Österreichs geistert. Meine Sache kann es nicht sein, Ihnen zu sagen, wie weit dieses Modell in Österreich als Nothelfer aus einer „politischen Dauerkrise“ – diese Formulierung entnehme ich einer österreichischen Zeitung – dienlich sein könnte. Mir ist einzig die Feststellung gestattet, dass ein Vergleich zwischen Österreich und der Schweiz in mancher Hinsicht immerhin erlaubt, sehr plausibel, sehr sinnvoll und ergiebig erscheint und dass man wirklich meinen möchte, das Schweizer Modell könnte für Österreich vielleicht tauglich sein. Manche Voraussetzungen dazu scheinen gegeben zu sein, man ist sich in vielem doch erstaunlich ähnlich:

Wir sind beide fast gleich groß (oder gleich klein), jedenfalls typische Kleinstaaten. Wir haben beide einen alpinen Kern, der sich zu den Rändern hin öffnet. Wir gehören (jedenfalls die deutsche Schweiz) zu den Grenzlandschaften der deutschen Sprache. Wir haben unsere ausgeprägten Dialekte und damit verwandte Probleme mit der Hoch- und Schriftsprache. Wir sind beides demokratische Republiken. Was dem einen die Kantone sind dem anderen die Bundesländer, hier wie dort mit einem ausgeprägten Hang zum Föderalismus. Wir sind beides Binnenländer. Wir sind beide rohstoffarm, und infolgedessen haben sich ähnliche Verarbeitungs- und Veredelungsindustrien entwickelt. Auf touristischem Gebiet gleichen wir uns zumindest als Konkurrenten. Wir gehören beide der EFTA an. Hier wie dort haben wir eine relativ geringe Inflation. Der Schilling und der Franken gehören zu den stabilsten Währungen der Welt. Der gegenseitige Handel ist recht ausgeglichen. In beiden Ländern wird gleich wenig gestreikt. Sogar die Lebenserwartung und die Zahl der Ehescheidungen sind bei uns gleich hoch. Im Skisport machen wir uns gegenseitig die Medaillen streitig. Hingegen herrscht Einigkeit, wenn´s um Gesangchöre, Blaskapellen und Trachtengruppen geht. Und die Volksseelen, wenn sie ausdrücken wollen, wie ihnen zumute ist, fange hüben und drüben an zu jodeln …

Ähnlichkeiten und Gleichheiten

Die vielen Ähnlichkeiten und Gleichheiten sind verblüffend. Und man wundert sich eigentlich über die berührende Frage von Hans Weigel: « Warum ist es von St.Gallen nach Bregenz so nah und von der Schweiz nach Österreich so weit – und umgekehrt ? » Immer wieder kann man es auf beiden Seiten des Arlbergs hören: es gebe auf der Welt kaum zwei Nachbarn, die sich gegenseitig so wenig kennen und doch so ähnlich seien. Man sei sich zwar nicht gerade feindlich, aber – was fast noch schlimmer sei – gleichgültig. Und aus dieser Gleichgültigkeit wachse Fremdheit und diese lasse die Vorstellungen, die man voneinander habe, in Clichés erstarren.

Lassen Sie es mich des ernsten Tones müde, etwas heiterer sagen: Die Schweiz und der Wohlstand. Die Schweiz und die Schokolade. Die Schweiz und die Banken. Die Schweiz und der Fleiss. Die Schweiz und der Geiz. Die Schweiz und der kulturelle Holzboden. Die Schweiz und die Asylpolitik. Die Schweiz und die UNO …

Oder : Österreich und Johann Strauss. Österreich und der Stefansdom. Österreich und die Hofburg. Österreich und die Lippizaner. Österreich und Schönbrunn. Österreich und das Burgtheater. (Man beachte die ständige Verwechslung Österreichs mit Wien. Vermutlich bestünde eidgenössischerseits der erste Schritt auf dem Weg der Besserung in der Erkenntnis, dass Wien nicht Österreich ist …). Österreich und die Schrammeln. Österreich und die Küss-die-Hand-Frau-Hofrat. Österreich und Habe-die-Ehre-Herr-Professor. Österreich und die liebenswürdige Schlampigkeit. Österreich und das Glykol. Und, und, und …

Falsche und ungerechte Vorstellungen

Falschere und ungerechtere Vorstellungen könnten zwei Völker kaum von sich haben. Das Bild, das man gegenseitig von sich macht, ist mehr eine ärgerliche als eine lustige Karikatur. Warum ist man sich so fern, obwohl man sich so nah ist ? Warum kennt man sich so schlecht, wo man seit Jahrhunderten Tür an Tür lebt ?

Vielleicht gerade darum: Weil wir uns so ähnlich scheinen, finden wir uns gegenseitig so uninteressant. Was ist der Unterschied zwischen nix ? Antwort: Das ist der Unterschied zwischen Österreich und der Schweiz.

Aber ist es wirklich so ? Uns lockt immer das Fremde, das ganz andere, das Exotische. Wir kennen uns nicht besser, weil wir uns schon längst zu kennen glauben. Und wir glauben uns daher keine Mühe mehr geben zu müssen, einander kennen zu lernen. Wir haben schon längst unsere fixfertigen Vorstellungen voneinander, und damit basta. Wir bilden uns ein, uns so gut zu kennen, dass es vollauf genügt, wenn wir gegenseitig blöde Witze über uns machen. In den Österreicher-Witzen der Schweizer und in den Schweizer-Witzen der Österreicher enthüllt sich die Gefährlichkeit unseres Nichtverhältnisses. Wir kennen uns so wenig, dass wir am Ende den Witzen über uns Glauben schenken. Und da hört der Spass dann auf. Denn je mehr sich die Bilder bis zur Unkenntlichkeit verzerren, umso schwieriger wird es, sie zu korrigieren. Vorurteile, wie sie in der Schweiz durch die Glykol-Affärre über Österreich geweckt wurden oder Vorurteile, wie sie in Österreich durch den Ausgang der Schweizer UNO-Abstimmung (1987) hochgekommen sind, beweisen, dass das Verhältnis Schweiz-Österreich noch immer eine sehr prekäres, noch immer ein sehr diffizieles, noch immer ein leicht verletzliches ist. (Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass auf staatlicher und diplomatischer Ebene die Beziehungen aufs freundlichste spielen.)

Hans J. Thalberg, der langjährige Botschafter Österreichs in der Schweiz, hat das bedenkliche und bedauerliche Paradoxon unseres Verhältnisses in den Satz gefasst: « Leider sitzen die beiden gleichen, aber einander doch so unähnlichen Alpenbrüder Österreich und Schweiz mit dem Rücken gegeneinander und verbeissen sich in altüberlieferte Vorurteile … »

(Es scheint mir übrigens bezeichnend, dass ein österreichischer Diplomat seine Erinnerungen veröffentlicht unter dem Titel: « Von der Kunst, Österreicher zu sein ». Ich möchte mir einen ähnlichen Titel für die Erinnerungen eins Schweizer Botschafters nur schwer vorstellen; wenn schon, würde er sie wohl überschreiben: « Von der Last, Schweizer zu sein ».

Mit dem Rücken gegeneinander

Alpenbrüder, aber: mit dem Rücken gegeneinander und in altüberlieferte Vorurteile verbissen – Dagegen müsste man einiges tun: indem man sich gegenseitig offener ins Gesicht schauen würde und gegenseitig die altüberlieferten Vorurteile in der Mottenkiste verschwinden liesse.

Wenn wir uns gegenseitig offen und vorurteilsfrei ins Gesicht sähen, würden wir nämlich feststellen, dass wir einander gar nicht so ähnlich sind, uns gar nicht so sehr gleichen.

(Kann man sich einen grösseren Unterschied denken als zwischen einem Wiener und einem Berner ? Andererseits – steter Widerspruch – : einer aus St.Margrethen ist von einem aus Dornbirn kaum zu unterscheiden.)

Unsere Verschiedenheiten

Ich glaube, wir sollten vermehrt unsere Verschiedenheiten erkennen und anerkennen. Wir sollten die Unterschiede zwischen uns entdecken. Diese erweisen sich bestimmt als viel interessanter als unsere Gleichheiten. Unterschiede sind amüsant, Gleichheiten wirken auf die Dauer langweilig.

Die Schweiz ist aus einem winzigen Kern heraus während Jahrhunderten zu einem Kleinstaat erwachsen. Österreich wurde zum Kleinstaat durch jähen Sturz aus den Höhen einer universellen Grossmacht. Das formt zwei Völker anders. Das lässt andere Geschichtsbilder in ihnen entstehen. Dieses Andere müsste uns aneinander mehr interessieren.

Kein Volk liebt es, wenn ihm eine anderes ständig als Musterbeispiel vor Augen geführt wird. « Schaut her, die Österreicher das sind gemütliche Lebenskünstler! Schaut her, die Schweizer, das sind lebenstüchtige Geschäftsleute! Jeder Österreicher ein Walzerkönig! Jeder Schweizer ein Börsenfachmann! Jeder Österreicher ein Charmeur! Jeder Schweizer ein Muster an Korrektheit! Die Österreicher unzuverlässig, verschwenderisch, lustig, kunstfreudig, weltläufig – die Schweizer fleissig, sparsam, amusisch, humorlos, kleinkariert und spiessbürgerlich … « und ´s is alles net wohr, und ´s is alles net wohr … » Wir sollten uns gegenseitig nicht mehr als Musterknaben und Vorbilder missbrauchen lassen. Modelle simplifizieren und pauschalieren.

Legendenstiftung

Und wir sollten uns hüten vor jeder Legendenstiftung. Legenden vermischen Wahrheit und Fantasie bis zur Unglaubwürdigkeit. Legenden verklären die Wirklichkeit ins Unwahrscheinliche.

Legenden und Modelle taugen nicht für den Umgang von Völkern untereinander. Ein Völker-Knigge müsste an oberster Stelle die Vorschrift enthalten: « Es ist verboten, sich zum Modell stempeln oder sich ins Legendäre empor stilisieren zu lassen! » Nieder mit der Gleichheit: Es lebe der Unterschied! Nieder mit den Vorurteilen: Es lebe die Unvoreingenommenheit!

Von der Geschichte bis zum Volkscharakter gibt es noch manche Bilder zwischen uns, die man bei jeder Gelegenheit vom Sockel des Vorurteils stürzen müsste. Wir werden erst dann einen echten Gewinn voneinander haben, wenn wir Freude empfinden an unserer Verschiedenheit. Jeder hat etwas, was der andere nicht hat, und damit können wir uns gegenseitig beschenken.

Nach seiner Begegnung mit Napoleon bei Austerlitz (am 4. Dez. 1805) soll Kaiser Franz gesagt haben: „Jetzt, wo ich ihn g´sehn hab´, g´fallt er mir gar nimmer …“

Wir sollten eines Tage von uns sagen können: „jetzt, wo wir uns richtig kennen, gefallen wir einander erst recht.“

Kürzere Wege

Österreich und die Schweiz könnten zu einem europäischen Kristallisationspunkt für eine gesamteuropäische Integration werden. Es ist dringend nötig, dass dieses Europa zwischen den grossen Machtblöcken wieder zu seinem Selbstbewusstsein erwacht und sein Zusammengehörigkeitsgefühl wieder entwickelt. Ich denke: auch in dieser übergeordneten Hinsicht wäre es gut und wichtig, wenn die Wege zwischen Österreich und der Schweiz kürzer würden.


Sonstiges

Veröffentlichungen

Nachruf

Eduard Stäuble, ein grosser Publizist

Der langjährige Leiter der Abteilung Kultur des Schweizer Fernsehens war ein St. Galler mit nationaler Ausstrahlung und ein Meister der persönlichen Kommunikation. Robert Nef

Letzte Woche ist Eduard Stäuble an den Folgen einer Herzoperation gestorben. Er wünschte sich einen stillen Abschied im engsten Freundes- und Familienkreis. Die Frage, was denn von einem publizistischen Lebenswerk, das in Hunderten von Artikeln, in Dutzenden von Büchern und Fernsehsendungen und in Tausenden von Briefen den vorherrschenden Zeitgeist analysiert und kritisch kommentiert, tatsächlich in Erinnerung bleibt, hat ihn immer wieder beschäftigt. Er hatte diesbezüglich keinerlei Illusionen. Sein Beitrag, den er als langjähriger Leiter der Abteilung Kultur des Schweizer Fernsehens 2002 für den Sammelband «Eigenständig – Die Schweiz ein Sonderfall» verfasst hat, endet mit den bemerkenswerten Sätzen: «Auch auf den Gebieten von Kultur und Kunst, wie immer man diese Begriffe verstehen mag, zählt im liberalen Staat zuerst und vor allem die Selbstverantwortlichkeit jeder und jedes Einzelnen. Es gilt das Wort: Kultur erweist sich darin, wie der ganze Mensch lebt.» Kritisch und eigenwillig

Eduard Stäuble hat sein ganzes Leben in den Dienst dieses personenbezogenen Kulturverständnisses gestellt. Er war ein Meister der persönlichen Kommunikation, die er weit über alle Möglichkeiten der massenmedialen Kulturvermittlung stellte. Eine seiner kämpferischen Monographien trägt den Titel «Fluch und Segen – Fernsehen – Macht und Ohnmacht». Mit dieser Schrift hat sich der Autor bei manchen Kollegen keine Freunde geschaffen.

Das gilt auch für viele andere Artikel und Kolumnen, in denen er den vorherrschenden Zeitgeist und dessen Protagonisten oft schonungslos kritisierte. Eduard Stäuble war bei der Auswahl seiner Freunde und seiner Widersacher immer eigenwillig. Literarische Werke hat er nicht nur mit spitzer Feder rezensiert, er hat stets auch den persönlichen Kontakt mit den Autoren gesucht, etwa mit Max Frisch, Erwin Jaeckle, Pirmin Meier und Thomas Hürlimann. Er sah sich stets als Anwalt der vom Publikum zu wenig Beachteten und als Herausforderer der seines Erachtens eher Überschätzten. St. Gallen subtil verbunden

Seiner Heimatstadt St. Gallen, in die er zusammen mit seiner ebenfalls aus St. Gallen stammenden Gemahlin für seinen Lebensabend zurückgekehrt ist, war er in subtiler Weise verbunden. Er verkörperte die typisch St. Gallische Mischung von Selbstbescheidung und Selbstbewusstsein. Er stand auch im fortgeschrittenen Alter nicht abseits, sondern wagte jenes «heitere Darüberstehen» bei dem sich die Melancholie der verlorenen Illusionen mit jenem feinsinnigem Humor verbindet, der den andern trotz allem Hoffnung spendet und den Abschied leichter machen soll.

Eduard Stäuble hat sich um die Erinnerung an die für die Totalitarismuskritik in der Kriegs- und Nachkriegszeit bedeutsame «Nebelspalter»-Ikone Carl Böckli (Bö) verdient gemacht. Nur wenigen Insidern ist bekannt, wie eng das Zusammenwirken von Eduard Stäuble mit dem legendär gewordenen St. Galler Schnitzelbänkler Johann Linder war. Linders Bilder stammten vom St. Galler Kunstmaler Willy Koch, die Liedertexte und Melodien von Eduard Stäuble. Den Refrain «S'Heicho uf Sanggalle isch halt s'Schönscht» kann kaum einer vergessen, der damals «live» dabei war oder die CD wieder abspielt. Eduard Stäuble widerlegte als Kulturchef des Schweizer Fernsehens und als Redaktor des «Badener Tagblatts» die Behauptung, es gebe in der Schweiz östlich von Winterthur kein nennenswertes Kulturleben. Mit Freude und Befriedigung erlebte er kürzlich noch die Wiederaufführung seines vor über 50 Jahren zum St. Galler Kantonsjubiläums verfassten und von Paul Huber vertonten Festspiels «Die Bürger von Schilda». Bleibende Spuren

Eduard Stäuble hat in seiner Laudatio anlässlich der Preisverleihung an die Schauspielerin Maria Becker gestanden, er wäre selbst gern Schauspieler geworden. Nun ist er von jener kulturellen und politischen Bühne abgetreten, auf welcher das Leben selbst Tragödien und Komödien aufführt. Vom Engländer Horace Walpole stammt der Aphorismus, das Leben sei für jene, die fühlen, eine Tragödie und für jene, die denken, eine Komödie. Eduard Stäuble hat heimatverbundenes Fühlen stets mit zeitkritischem Denken verknüpft und damit an beiden Deutungsmustern aktiv mitgewirkt und teilgenommen. Er hat so gewiss nicht für alle sichtbare aber für Mitfühlende und Mitdenkende spürbar bleibende Spuren hinterlassen.

  • St.Galler Tagblatt, 06.04.09

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