Pro Vorarlberg

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Inhaltsverzeichnis

Allgemein

Jules Courvoisier 1884 - 1936


Begriffsbestimmung

Der Name Pro Vorarlberg wurde von 1919 - 1923 von einem Schweizer Initiativkomitee verwendet. Dieses hat sich mit beachtlichen Teilerfolgen für den Anschluss von Vorarlberg an die Schweiz und ausserdem für die Lieferung von Hilfsgütern für die notleidende Bevölkerung Vorarlbergs eingesetzt.

Die Verwendung der Bezeichnung Pro Vorarlberg für spätere Aktionen und deren Geschichte ist nicht Gegenstand dieser Seite.

Kanton Übrig

Diese - das Land Vorarlberg, dh auch seine Bewohner herabwürdigende Bezeichnung - stammt aus dem Kreise der deutsch-freisinnigen Anschlußgegner. « Die Phrase des „Kanton Übrig“ muss als unzutreffend beurteilt werden. Ein Anschluss Vorarlbergs an die Schweiz fand in der Eidgenossenschaft Zuspruch. Was die wenigsten wissen dürften ist, dass die geflügelten Worte auf einem gleichnamigen Flugblatt beruhen, das in ganz Vorarlberg kursierte. Der anonyme Unterzeichner Z. – ein Befürworter des Anschlusses an Deutschland – führte dort aus, in der Schweiz würde das ungeliebte und abgelehnte Vorarlberg höhnisch als „Kanton Übrig“ bezeichnet.

Bei einer Landtagssitzung im Juli 1919 wurde bekannt, dass es sich beim Verfasser Z. nicht um Zorro handelte – die Romanfigur wurde, man glaubt es kaum, im selben Jahr erfunden. Vielmehr enttarnte Landeshauptmann Ender den deutschfreiheitlichen Abgeordneten Anton Zumtobel, einen Dornbirner Anwalt, als Urheber. Zumtobel stand zur Autorschaft und gestand, das Machwerk „verbrochen“ zu haben. „Ich muß gestehen, daß ich viel geschrieben habe, was sich später leider nicht als wahr erwiesen hat“, gab er sich geläutert. » ECHO 11/2006, Der Weg nach Westen, S49

Namhafte Personen auf beiden Seiten des (Alpen-)Rheins

Eine stattliche Anzahl weiterer direkt und indirekt Beteiligter kann hier nicht erwähnt werden.

Ferdinand Riedmann

Ferdinand Riedmann (1886 - 1968)

Lustenau, 1886 - 1968

« Der 'Werbeausschuss für den Anschluss Vorarlbergs an die Schweiz' wurde vertreten durch mich, Ferdinand Riedmann, Initiator und Führer der Bewegung ..., damit bin ich der einzige Lustenauer, der einen grundlegenden Beitrag zur Geschichte geleistet hat. » Daniel Witzig, Die Vorarlberger Frage, Basel 1974, S24

Die von Witzig zitierten Sätze, vermutlich aus den persönlichen Aufzeichnungen von Riedmann, sollten berufene und befähigte Vorarlberger (m/w) motivieren, die Geschichte der Anschlussbewegung etwas genauer zu beleuchten.

Tatsache ist, dass einerseits Riedmann und Mitunterzeichner am 01.03.1919 der von Ender geführten (provisorischen) Landesregierung 40.334 Unterschriften, das sind 70,82 % der Stimmberechtigen, mit dem eindeutigen Wunsch zum Anschluss an die Schweiz vorgelegt haben und andererseits die (provisorische) Landesversammlung am 15.03.1919 unter dem Vorsitz von Ender den verhängnisvollen Beschluss zur Behandlung der Anschlussfrage gefasst hat:

« Der neuzuwählende Landtag entscheidet über den definitiven Anschluß des Landes an ein größeres Staatswesen. Fällt der Landtag die Entscheidung für den Anschluß an ein anderes Staatswesen als an Deutschösterreich, oder ist die provisorische Landesversammlung schon zur Entscheidung genötigt, so muß der Beschluß der Volksabstimmung unterbreitet werden. »

Der von 40.334 Unterzeichnern bestätigte Volkswille (Volksbegehren) konnte von den Mitgliedern der (provisorischen) Landesversammlung wohl nicht eindeutiger ignoriert werden. Hier müssten Berufene und Befähigte ansetzen und in der offiziellen Landesgeschichtsschreibung dringend notwendige Korrekturen anbringen.

Ferdinand Riedmann, Ulrich Vetsch und deren Freunde haben ihre (späte) politische Rehabilitierung verdient. Sie als « Revoluzzer » abzustempeln, ist ein Zeichen von Dummheit oder Schwäche.

Ulrich Vetsch

Ulrich Vetsch (1856 - 1920)

Dr., Kantonsrat, Werdenberg / St.Gallen, 1856 - 1920

Frei nach dem Motto « Geschichtslosigkeit ist Gesichtslosigkeit » soll hier an das wohlwollende, grenzüberschreitende Wirken von Dr. Ulrich Vetsch, Werdenberg / SG erinnert werden:

« Schon im Februar 1919 gründete Vetsch zusammen mit St.Galler Grossräten ein Vorarlberger Komitee, dem ein zweites in Genf und ein drittes in Bern folgte. Die drei Organisationen traten in enge Verbindung mit anderen Vereinigungen und Parteien, so mit der Neuen Helvetischen Gesellschaft, dem Grütliverein, der Freisinnig Demokratischen Partei und den Schweizerischen Republikanern. Am 22. Juli 1919 gründete Vetsch im Schosse des St.Gallischen Grütlivereines das eigentliche Aktionskomitee Pro Vorarlberg; eine weitere Gründung erfolgte in Bern. » Dr. Viktor Hofer, Unser Rheintal, Jg. 40, 1983

« Alsbald sehen wir ihn mit an der Spitze einer Hilfsorganisation für das leidende Vorarlberg und Liechtenstein, mit welchem Nachbarvolke ihn liebe Jugenderinnerungen verknüpfen. Dieses heimatliche Gedenken paarte sich mit seinen politischen Reflexionen über die künftige Lage unseres Heimatlandes in dem durch den Krieg umgestalteten Europa, und so fühlte er sich berufen, mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit sich der Vorarlberger Anschlussfrage anzunehmen. » St.Galler Tagblatt, Aug. 1920

Felix-Louis Calonder

Bundesrat, Trin GR, 1863 - 1952

« Im Bundesrat bekämpften sich zwei Meinungen: die Anschlußfreunde, vertreten durch Calonder, den Vorsteher des Politischen Departements, und die Anschlußgegner, angeführt durch Schultheß, den Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements. Schon am 2. und 11. April 1919 hatte Calonder vorgeschlagen, der Bundesrat möge mit Wohlwollen ein Anschlußgesuch Vorarlbergs entgegennehmen, falls es sich auf die große Mehrheit des Vorarlberger Volkes stütze, und diesen Wunsch an die Konferenz von Paris weiterleiten. Calonder führte mündlich aus, der Bundesrat dürfe sich nicht vor der öffentlichen Meinung und der Geschichte dem Vorwurf aussetzen, er habe es versäumt, in nützlicher Frist Stellung zu beziehen, und begründete, warum er die Inkorporation Vorarlbergs begünstige. Schließlich riet er, die schweizerische Gesandtschaft in Paris zu beauftragen, sie möge sich bei den Mächten dafür verwenden, daß in den Friedensvertrag eine Bemerkung über das freie Verfügungsrecht Vorarlbergs eingefügt werde und über die Erlaubnis, sich der Schweiz anzuschließen, falls das Schweizer Volk dies wünsche - fand jedoch mit diesem Vorschlag bei seinen Kollegen kein Gehör. » Edgar Bonjour, Geschichte der Schweizerischen Neutralität (1980), Bd. 2, S301

Aus seiner Rede im (Schweizerischen) Nationalrat vom 28 Juni 1919: « Hat der alte Stamm der Eidgenossen noch Kraft und Saft genug, um einen frischen und blühenden Zweig darauf pfropfen zu können ? Können wir uns aus unserer Geschichte, können wir uns aus unseren politischen Idealen, können wir uns aus den tiefen Schächten der Volksseele so energische Werbekraft schöpfen, um das Vorarlberger Volk nach und nach so innig mit dem Schweizer Volk zu verbinden, dass es mit der Zeit Blut von unserem Blut, Fleisch von unserem Fleisch, Geist von unserem Geist werde ? » ebenda S300

« Angesichts der verstärkten Anstrengungen Deutschlands, sich das Vorarlberg einzuverleiben, des drohenden Zerfalls Österreichs und der Notlage Vorarlbergs drängte Calonder im November den Bundesrat, Stellung zu beziehen. Die Gefahr, daß die Schweiz auch im Osten von Deutschland gänzlich umklammert werde, wenn Österreich mit Vorarlberg sich zum Deutschen Reiche schlage, sei groß und müsse die unangenehmsten Folgen für die Schweiz zeitigen. Finanzielle Erwägungen dürften in einer so eminent politischen Frage nicht ins Gewicht fallen. Unternehme der Bundesrat jetzt nichts, so werde im Vorarlberg der Umschwung zugunsten des Anschlusses an Deutschland unweigerlich bald eintreten. Denn Vorarlberg, das leidenschaftlich zur Schweiz neige, sei durch seinen bisherigen Mißerfolg beim Bundesrat entmutigt. Man solle in dieser Stunde einen Schritt zur Aufrichtung der Stimmung im Vorarlberg tun. Diese Erwägungen führten Calonder im November 1919 zum Antrag, der Bundesrat möge das Politische Departement ermächtigen, dem vorarlbergischen Landeshauptmann kategorisch zu erklären: Für den Fall, daß Vorarlberg sich durch eine Selbständigkeitserklärung oder infolge der Umstände von Österreich trenne, werde die Schweiz ihm ihre materielle, moralische und politische Unterstützung angedeihen lassen, bis die Frage seiner Zugehörigkeit entschieden sei. » ebenda S302

Arnold Engensperger

Arnold Engensperger (1878 - 1924

Rorschach, 1878 - 1924

« Einer der besten Kenner der damaligen Verhältnisse im Vorarlberg, welcher vom (Schweizer) Bundesrat immer wieder zur Beratung beigezogen werden musste, Dr. (Arnold) Engensperger von Rorschach, schrieb über jenes Verhältnis von Volk und Regierung: "Die ganze, übermächtige Aktion war eine Volksbewegung des einfachen Volkes, welches ganz einfach zur "Schwyz" gehören wollte, weil sie fanden, dass sie es dort besser haben und weil die staatlichen Einrichtungen der Schweiz mit der Demokratie überhaupt viel eher freiheitliche und doch geordnete Verhältnisse garantiere als ihr Staatswesen. Einfache Leute aus dem Volke, wie Lehrer Riedmann in Lustenau, haben die Aktion ins Leben gerufen und sie gegen den erbitterten Widerstand der sogenannten ´Intelligenz´ auch mit ausserordentlichem Erfolg durchgeführt." » Daniel Witzig, Die Vorarlberger Frage, 1974, Seite 28f

« Der Nachfolger Vetschs in der Schweizer Anschlussbewegung, Dr. Engensperger, kannte diese Verhältnisse aus eigener Anschauung. Als Gemeindeammann des Grenzortes Rorschach und als naher Freund Enders stand er in ständiger Verbindung mit den Vorarlbergern und war deshalb in der Lage, dem Bundesrat genaue Informationen zugehen zu lassen. „Es fehlt nach meinen Beobachtungen der intensive Wille zum Staat“, schrieb er in einem seiner Berichte, „so wenig wahrscheinlich es ist, dass einem von Natur und Veranlagung willensschwachen Menschen Energie beigebracht werden kann, so wenig wird dies bei einem Staatswesen gelingen. Auch die Lehre der Not ist am österreichischen Subjekt ohne Einfluss vorbeigegangen. Er verhält sich wie der entsprechende, willensschwache Mensch in gleicher Lage, er verlegt sich auf den Bettel und Drohungen mit Unannehmlichkeiten, die er zufügt, wenn ihm nicht entsprochen wird.“ Engenspergers pessimistische Auffassung wurde von Landeshauptmann Ender geteilt; was dessen Urteil besonderes Gewicht gibt, ist der Umstand, dass er es als Landeshauptmann und als durchaus möglicher Träger des Kanzleramtes aussprach. „Mein schlechtes Vertrauen in den Bestand Österreichs“, schrieb er seinem Freund „stützt sich nicht auf Ziffern sondern auf tägliche Beobachtung. Die Situation ist so: man müsste in Österreich alles fördern, was die Arbeitsamkeit hebt und alles unterdrücken, was ihr schadet. » ebenda Seite 203

« Hat Vorarlberg die Selbständigkeit, so ist der Staatsvertrag mit der Schweiz ... relativ einfach, und die eigentliche Anschlussfrage kann in aller Musse dann behandelt werden. » ebenda Seite 254

« Dr. Engensperger hat überall seinen Mann gestellt. Als Stadtammann und als Mitglied des Grossen Rates, als Kreiseisenbahnrat und als Referent wichtigster Kommissionen im Grossen Rate: sein Wort war überall geschätzt, weil es wohlüberlegt war und deshalb überzeugend wirkte. Treu und ergeben seiner Überzeugung achtete er diejenigen anderer Richtungen. Am Vaterlande hing er in unverbrüchlicher Treue, voll glücklichsten Ernstes war er stets an der Spitze seiner Kompagnie, die er als Hauptmann während des Krieges befehligte. » Rorschacher Chronik 1925

Rudolf Gelpke

Nationalrat, Basel, 1873 - 1940

Interpellation vom 2. Juni 1919: « Wo fände sich in der Schweiz ein zweites Mal in derart glücklicher Vereinigung ein ebenso natürlicher, geschlossener, hydrographisch begrenzter Wirtschafts- und Siedelungsorganismus vor, als wie er in machtvoller Geschlossenheit in der neuen Ostschweiz Gestalt gewänne? Solange aber als die politischen Grenzen das Rheintal in zwei Hälften teilen, die streng bewachte Zollgrenze in der Stromachse den Verkehr behindert und das von Natur geschaffene gemeinsame Arbeitsfeld, die breite, sonnenbeschienene Ebene nicht für einheitliche Siedelungs- und Wirtschaftszwecke erschlossen werden kann, vermag kein der Bedeutung der Tal- ebene entsprechendes produktives Leben Platz zu greifen. Mit Vorarlberg als vorgelagerter Ostwacht hätte sich die Stadt St. Gallen zu einem glänzenden Zentrum des Bodensee-Kulturkreises entfalten können. Künstliche Schranken aber haben hier überall eine naturgewollte, reiche Entfaltung der Lebenskräfte im Keime erstickt. Diesen unnatürlichen Zustand zu beseitigen, hiezu fordern Zeit und Umstände uns auf. » Edgar Bonjour, Geschichte der Schweizerischen Neutralität (1980) Bd. 2, S 293

Josef Winiger

Ständerat, Luzern, 1855 - 1929

« Nationalrat Gelpke und der Luzerner Ständerat Winiger, der seinen Beitrag zur Anschlussbewegung als innenpolitischer Redaktor am „Vaterland“ leistete, wünschten beide, „über die Auffassung und die Absichten des Bundesrates in Hinsicht auf die Bestrebungen des Landes Vorarlberg zum Anschluss an die Schweiz erneut Aufschluss zu erhalten“. Nachdem Calonder die Anschlussfrage im Juni vor dem Nationalrat zur Sprache gebracht hatte, wollte er jetzt die Interpellation von Ständerat Winiger beantworten, weil das kaum veränderte Forum der Ständevertreter die bessere Gewähr für eine künftige Billigung seiner Politik bieten mochte als jenes des neu gewählten Proporznationalrates. » Daniel Witzig, Die Vorarlberger Frage, 1974, S373

Ludwig Forrer

Winterthur, 1845 - 1921

« Dem Komitee schloss sich fast die ganze Berner B(auern-) G(ewerbe- und) B(ürgerpartei)-Spitze wie Gottfried Gnägi, Fritz Joss, Rudolf Minger, Ferdinand Rothpletz und Hans Tschumi an. Daneben gehörten der Organisation auch hohe Militärs wie Oberstkorpskommandant Robert Weber und Oberstleutnant Roger de Diesbach sowie zahlreiche Mitglieder der FDP wie Chefredaktor Michael Bühler vom Berner «Bund», Ernst Schürch und alt Bundesrat Ludwig Forrer an. »

  • Aram Mattioli, Zwischen Demokratie und totalitärer Diktatur, Zürich 1994, S127

Gonzague de Reynold

eigentlich Frédéric G. Graf R. de Cressier, Prof. in Bern und Freiburg (1880 - 1970)

Gonzague de Reynold (1880 - 1970)

« Wer die befürwortende Stellungnahme Gonzague de Reynolds zum Anschluß Vorarlberges an die Schweiz verstehen will, wird diesen Positionsbezug nicht lediglich als vom Zufall diktierte Einzelerscheinung auffassen dürfen. Sein Eintreten für ein schweizerisches Vorarlberg wird nur in Kenntnis seines 'Umbruchbewusstseins' vollens verständlich, das er mit vielen Schweizer Intellektuellen teilte, die die Auffassung vertraten, daß die Schweiz nach 1918 in eine gegenüber der Vorkriegszeit völlig veränderte Welt eingetreten sei, die nach neuen politischen Antworten verlange. »

  • Aram Mattioli, Der 'neohelvetische' Nationalist Gonzague de Reynold und der Anschluß Vorarlbergs in Eidgenossen helft euren Brüdern in der Not, Feldkirch 1990, S10

« Ausserdem engagierten sich überraschend viele Gründungsmitglieder der N(euen) H(elvetischen) G(esellschaft) wie der amtierende Präsident Maurice Baudat, William Martin, Nationalrat Jean-Marie Musy, der Freiburger Staatsrat Ernest Perrier, der Militärpublizist Paul de Vallière, der Genfer Anwalt Albert Picot und Robert de Traz für ein schweizerisches Vorarlberg. Dass sich auch Gonzague de Reynold und der spätere Frontist Hans Zopfi der Bewegung anschlossen, war keine Fussnote der Geschichte, sondern unterstreicht eindrücklich, dass viele Repräsentanten der neuen Rechten die Vorarlberger Anschlussfrage in der frühen Zwischenkriegeszeit als ihre Sache erkannten. »

  • Aram Mattioli, Zwischen Demokratie und totalitärer Diktatur, Zürich 1994, S127

« Vorarlberg ist das letzte Land deutschschweizerischer Zunge, welches noch nicht zur Eidgenossenschaft gehört durch einen Irrtum der Geschichte, den wir gutmachen müssen, nachdem wir mehrere Gelegenheiten versäumt haben. »

  • Gonzague de Reynold: Das Volk von Vorarlberg in: Paul Pirker: Das Vorarlberg. Schweizer, sind wir eure Brüder?, Feldkirch 1919, S20

« Auch wenn die weltanschaulichen Motive Gonzague de Reynolds nicht unbedingt repräsentativ für die gesamte schweizerische Anschlussbewegung waren, da in seinem Denken wirtschaftliche und verkehrstechnische Überlegungen im Unterschied zu Rudolf Gelpke und Ulrich Vetsch eine untergeordnete Rolle spielten, ist das schweizerische Pro Vorarlberg-Komitee ein Beispiel dafür, wie sich Politiker aus den unterschiedlichsten Lagern zu einer überparteilichen Aktionsgemeinschaft zusammenfinden konnten. »

  • Aram Mattioli, Der 'neohelvetische' Nationalist Gonzague de Reynold und der Anschluß Vorarlbergs in Eidgenossen helft euren Brüdern in der Not, Feldkirch 1990, S27ff

Charles Lardy

« Calonder und Lardy, die zum vernherein am Erfolg von Enders Vorgehen gezweifelt hatten, sahen die Zeit gekommen, ihre eigenen, weittragenden Pläne zu verwirklichen, als am 28. Juli 1919 der Landeshauptmann-Stellvertreter Redler auf dem Politischen Departement vorsprach und um Rat und Hilfe bat. Diese Unterredung wurde in gewisser Hinsicht zum Wendepunkt der Vorarlberger Frage. Denn Calonder und Lardy verlangten von Redler nichts weinger, als dass die Vorarlberger ohne die Zustimmung der Regierungen in Wien und Bregenz ihr Anschlussgesuch vor die Entente bringen sollten. » Daniel Witzig, Die Vorarlberger Frage, 1974, S299f

Ernst Schürch

« Wir haben mit unserer Aktion einen ganzen, durchschlagenden Sieg im Bundeshaus errungen und sind glücklich über das in kurzer Zeit Erreichte. Nun können und müssen Sie weitergehen und die entscheidende Tat wagen. Die Schweiz hat ihr Wort eingelegt und wird es halten. » Redaktion des "Bund", Telegramm an Ferdinand Riedmann, gez. E.Schürch eh, Bern 22.11.1919, Vorarlberger Landesarchiv

Otto Ender

Otto Ender (1875 - 1960)

Altach, 1875 - 1960

« Es würde den Rahmen sprengen, die Rolle von Dr. Ender, dem damaligen Landeshauptmann, genauer auszuleuchten. Es darf aber festgehalten werden, daß seine Haltung zwielichtig war. Nicht nur, daß er die Bewegung zuerst nicht ernst nahm und sich erst nach der offiziellen Volksabstimmung vom 11. Mai 1919 dazu bekannte. Auch die Bedeutung Riedmanns spielte er gegen besseres Wissen herunter und sprach eher geringschätzig "von einem Lehrer in Lustenau". Ganz anders der in der Anschlußfrage äußerst engagierte Schweizer Journalist Reynold, der in seinen Memoiren folgendes festhält: "Der Initiator der Bewegung war ein simpler Schullehrer Riedmann. Die Schweizer wären undankbar, wenn sie diesen Namen nicht im Gedächtnis behalten würden. Riedmann war der Held der Bewegung, dieser einfache Lehrer aus Lustenau, der in dieser Gemeinde die Initiative ergriffen hat." » Adolf Bösch, Volksführer Ferdinand Riedmann in Eidgenossen helft euren Brüdern in der Not, Feldkirch 1990

« Ich kam mit der Bewegung erstmals in Berührung, als am 15. Nov. 1918 unter den Einlaufstücken des Landesrates sich eine Resolution vorfand, die ein Komitee in Lustenau zugunsten des Anschlusses an die Schweiz gefasst hatte. Der Landesrat befasste sich noch monatelang nicht mit dieser Frage; umsomehr die Bevölkerung. » Otto Ender, Der Werbeausschuss, Vorarlbergs Schweizer-Anschluß-Bewegung, Dornbirn 1952, S6

Um sein damaliges Demokratie(un)verständnis zu beweisen, schreibt Otto Ender selbst: « Der Landesrat hat folgenden Standpunkt: Will Vorarlberg bei Deutsch-Österreich bleiben, so kann das der neu zu wählende Landtag entscheiden. » Referat im Landtag (Anmerkung: in der provisorischen Landesversammlung) am 15.03.1919, ebenda S10

Später kommt Otto Ender selbst zur Erkenntnis: « All das muss natürlich verfassungsrechtlich verankert sein. Und die Verfassung muß einer Volksabstimmung unterworfen werden. Ihre Änderung darf nur durch Volksabstimmung möglich sein. » Bund und Land, ebenda S63

« Die Erinnerungen des langjährigen Landeshauptmanns von Vorarlberg, Otto Ender, ... bieten weniger, als was in einer Innsbrucker Dissertation bloss aus Zeitungsausschnitten erarbeitet wurde! » Walter Goldinger, Rede anlässlich der Hundertjahrfeier des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, 27. - 29.09.1954

Jodok Fink

Andelsbuch, 1853 - 1929

« Wir wissen aber auch, dass der damalige österreichische Vizekanzler, der Vorarlberger Jodok Fink, persönlich einem Schweizer Anschluss abgeneigt war. » Gerhard Wanner, Der verhinderte Schweizer Kanton, Merian Vorarlberg, Mai 1971

« Er war ein Gegner der Vorarlberger Anschlussbewegung an die Schweiz. » Dietmar Hagen, Die Vorarlberger Anschlussbewegung an die Schweiz nach dem ersten Weltkrieg - eine politische und ökonomische Analyse, Wien 2003

Paul Pirker

« Mit Dr. Neubner und Dr. Pirker glaubten die Vorarlberger ihre geeignetsten Männer zu entsenden, übersahen aber bei ihrer Wahl eine von Lardy ausdrücklich gestellte Bedingung. Zwar vertraten beide den Werbeausschuss, doch keiner entstammte jener "bodenständigen Bevölkerung", als deren Vertretung sich die Volksversammlungen ausgaben. » Daniel Witzig, Die Vorarlberger Frage, 1974, S306

Gustav Neubner

« Der Associé im Anwaltsbüro Enders, Dr. Neubner, von welchem Gonzague de Reynold sagt, er sei "ein dicker Österreicher mit Koteletten" gewesen, besass zwar das Vorarlberger Heimatrecht, wurde aber in Deutschböhmen geboren; und Dr. Pirker, Lehrer am Gymnasium in Bregenz,war der Sohn eines aus Kärnten zugewanderten Vaters. » Daniel Witzig, Die Vorarlberger Frage, 1974, S306

Karl Renner

« Schließlich finden wir - mirabile dictu (kaum zu glauben) - Staatskanzler Renner unter den Geldgebern für das Schwabenkapitel. » Dr. Karl Rohrer, Vorarlberg 1918 - 1922, Rankweil 1990, S18

Verfasser von einschlägigen Berichten, Diplomarbeiten, Dissertationen

Franz Vögel

« Am 3. November 1918 eröffnete Landeshauptmann Adolf Rhomberg die erste Sitzung einer „Provisorischen Landesversammlung“, die nach dem Stimmenverhältnis zusammengesetzt war, das die einzelnen Parteien bei den letzten Reichsratswahlen im Jahre 1911 erzielt hatten. Diese Landesversammlung bestand aus 30 Mitgliedern, von denen neunzehn der christlichsozialen, sechs der deutschfreisinnigen und fünf der sozialdemokratischen Partei angehörten. Die Landesversammlung trat an die Stelle des bisherigen Landtages, der am 4. Juni 1914 das letzte Mal getagt hatte. » Vorarlberg erklärt sich selbständig, Landstände und Landtag in Vorarlberg, Bregenz 1961, S138

« Als die konstituierende Nationalversammlung am 12. März 1919 das Gesetz beschloss, mit dem Deutsch-Österreich zu einem Bestandteil des Deutschen Reiches erklärt wurde, stellte der Vorarlberger Abgeordnete Jutz fest, daß die Erklärung der Provisorischen Landesversammlung vom 3. November 1918, wonach sich das Land Vorarlberg in den Rahmen Deutsch-Österreichs fügte, provisorischen Charakter trage wie die Landesversammlung selbst. Das Volk wolle durch einen selbst gewählten Landtag oder durch eine allgemeine Volksabstimmung über den endgültigen Anschluss entscheiden und lehne eine bindende Entscheidung durch die österreichische Nationalversammlung mit Übergehung der Länder ab. Die drei Vorarlberger Abgeordneten und der spätere Bundespräsident Miklas stimmten als einzige gegen das Gesetz. » Das Selbstbestimmungsrecht, ebenda, S142

Hans Jakob Reich

« Die Vorarlberger Frage bestand in den theoretischen Möglichkeiten, ob es sich vom übriggebliebenen Deutsch-Österreich trennen und der Schweiz anschliessen solle, ob es an Deutschland falle oder eventuell sogar selbständig werde. Während Liechtenstein in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg stets nur einen Zoll- und Wirtschaftsanschluss an die Schweiz suchte, strebte Vorarlberg den politischen Anschluss als neuer Kanton an. » Alvier/Terra plana Frühjahr 1994

« 1919 forderte das Vorarlberger Volk Anschlussverhandlungen mit der Schweiz. Wie kam es dazu? Wie sieht man das heute? Und wie verhielten sich die Schweiz und die Siegermächte des Ersten Weltkriegs in der «Vorarlberger Frage»? – In einer vierteiligen Alvier-Serie suchen wir nach Antworten. » WERDENBERGER & OBERTOGGENBURGER, 2009

Michaela Schoderitz

« Obwohl die Loslösung von Tirol und die Selbstständigkeitserklärung als “revolutionäre Vorgänge bezeichnet werden können, verhielt sich Vorarlberg gegenüber der Republik Deutschösterreich durchaus loyal und kam als erstes Land der Aufforderung Renners von 29. Oktober 1918, Beitrittserklärungen zum Staate Deutschösterreichs abzugeben, nach. Vorarlberg vollzog diesen Beitritt, indem es sich “als eigenes Land im Rahmen des Deutschösterreichischen Staates erklärte.“ Wie Landeshauptmann Ender in seiner Landtagsrede vom 15. März 1919 in besonderer Weise betonte, hatte diese Beitrittserklärung nur “provisorischen Charakter“, da über eine endgültige Entscheidung der staatlichen Zugehörigkeit nur der neu zu wählende Landtag oder eine Volksabstimmung entscheiden könne.

Diesem “provisorischen Charakter“ der staatlichen Zugehörigkeit und dem Anspruch des Landes auf freie Selbstbestimmung kam in Verlauf der Vorarlberger Anschlussbewegung besondere Bedeutung zu. » Vorarlberg zwischen Zentralismus und Separatismus, Wien 1989, S9

Emil Zürcher

Prof., 1850 - 1926

« Die Revolution löste den Reichsverband auf und es hätte Vorarlberg kraft seines Selbstbestimmungsrechtes über seine Zukunft befragt werden sollen. Der Machtanspruch von St. Germain schritt darüber hinweg und bestimmte die Grenzen der deutsch-österreichischen Bundesrepublik mit Einbeziehung von Vorarlberg gegen den Willen seines Volkes; es lag im Interesse der Mehrheit der Sieger, zu fingieren, daß dieser Bundesstaat Rechtsnachfolger des Kaiserstaates sei. » Das Selbstbestimmungsrecht der Völker und der Vorarlberg, Schweizer Juristen-Zeitung 17. Jg. Heft 20, Zürich 1921

Arnulf Häfele

« Die provisorische Landesversammlung des Landes Vorarlberg hat beschlossen: Vorarlberg gibt sich als selbständiges Land folgende Verfassung: [...] § 2. Die gesetzgebende und Vollzugsgewalt des Landes steht der Gesamtheit des Vorarlberger Volkes zu; [...] § 3. Die Stimmberechtigten üben ihre verfassungsmässigen Rechte aus: a) durch Annahme oder Verwerfung der Verfassung und ihrer Abänderungen; [...] » Gesetz vom 14. März 1919 über die Verfassung des Landes Vorarlberg

« Das von Volk und Behörden Vorarlbergs eingeschlagene Verfahren entsprach in den Augen der 101 eidgenössischen Räte aus allen Kantonen anerkannten allgemeinen Prinzipien und stand im Einklang mit den Grundsätzen, auf denen sich die Eidgenossenschaft selbst aufgebaut hatte, "deren Existenz ja nicht denkbar wäre ohne Ausübung und Verteidigung des Selbstbestimmungsrechtes der Bundesglieder". » Arnulf Häfele, Die Schweiz als Vorbild für die Vorarlberger Landesverfassung von 1919, Hohenems 2005, S292

« Die 101 eidgenössischen Räte aus allen Kantonen stützten sich bei ihrer Aussage über das Selbstbestimmungsrecht der Vorarlberger nicht zuletzt auf die Landesverfassung vom 14. März 1919. » ebenda S292

« Landeshauptmann Dr. Ender erwähnte, dass der deutschfreiheitliche Abgeordnete Dr. Zurntobel das anschlussfeindliche Flugblatt mit dem Titel „Kanton Übrig“ geschrieben und in tausenden Exemplaren gedruckt und ins Land hinaus gegeben habe. Darin habe er doch selber geschrieben, dass die Schweiz am Rhein und am Rhätikon jetzt eine ideale Grenze habe, die nicht besser würde, wenn Vorarlberg zur Schweiz käme. Im Übrigen solle Dr. Zumtobel ins Volk hinausgehen und fragen, ob die Vorarlberger Bevölkerung den Kummer habe, dass sie bei der Schweiz rascher wieder zu den Kriegswaffen greifen müsse, als wenn sie bei Deutschösterreich bliebe.

Der deutschfreiheitliche Dr. Zumtobel erwiderte: „Ich habe, wie der Herr Landeshauptmann ganz richtig bemerkt hat, seinerzeit bald nach meiner Heimkehr vom vierjährigen Kriegsdienst jenen Artikel ‚Kanton Übrig‘ verbrochen, allerdings nicht unterfertigt, sondern lediglich mit ‚Z‘ signiert, woran alle erkennen konnten, daß ich der Urheber dieses Artikels bin. Ich muß gestehen, daß ich in diesem Artikel viel geschrieben habe, was sich später leider nicht als wahr erwiesen hat.“ » ebenda S231f

Dietmar Hagen

« Der erste der es verstand die Zeichen der Zeit zu lesen und die Gefühle und Überlegungen der Menschen zu deuten und zu bestärken, war nicht etwa ein Politiker oder Intellektueller, sondern ein einfacher Lehrer namens Ferdinand Riedmann. » Die Vorarlberger Anschlussbewegung an die Schweiz ..., Wien 2003, S25

« Die Anschlussbefürworter träumten von einem eigenen Kanton Vorarlberg, der die lang ersehnte Selbständigkeit endlich wahr werden lassen könnte: "Kommen wir zur Schweiz, dann sind wir ein eigener Kanton und genießen die Selbständigkeit eines Kantons. Unserem Eigenleben droht in der Schweiz gar keine Gefahr. In dieser kantonalen Selbständigkeit liegt auch die Bürgschaft der Erhaltung unserer deutschen und alemannischen Eigenart." » ebenda S31 und Vorarlberger Volksblatt 8.5.1919

« Die allierten Siegermächte Europas (Anmerkung: und die USA) trugen ebenfalls das ihre dazu bei, dass das Selbstbestimmungsrecht für viele Völker in Wirklichkeit eine leere Worthülle blieb. » Die Vorarlberger Anschlussbewegung an die Schweiz ..., Wien 2003, S94

Nicole M. Schrecker

« Es stellt sich nun die Frage, ob sich die Vorgänge in Vorarlberg auf legalem Weg oder in revolutionärer Weise abwickelten. » Anschlussbewegungen Vorarlbergs an die Schweiz, Innsbruck, 1980

Elfriede Auguste Zuderell

Renate Heim

« In Vorarlberg bemächtigte sich die Privatinitiative der Sache. Wegen der Verweigerung des Selbstbestimmungsrechtes wurde am 10. August (1919) in 30 Versammlungen gegen die österreichische Regierung protestiert und an das Schweizer Volk ein Aufruf gerichtet, für das Recht Vorarlbergs einzutreten. »

  • Die Anschlussbewegung Vorarlbergs an die Schweiz 1918 - 1921, Innsbruck 1946 S19

« Die Anschlussfreunde in Vorarlberg waren ungeheuer enttäuscht und stark entmutigt. In der Schweiz dagegen erwachte immer größeres Interesse. Es wurden Komitees für den Anschluss gebildet, Versammlungen abgehalten und der Bundesrat gedrängt, endlich Stellung zu nehmen. Bundesrat Calonder führte jedoch in der Nationalratssitzung am 23.9. u.a. aus: „Was die Vorarlberger Frage betrifft, so hat der Bundesrat an seinem Standpunkt nichts geändert. Ich habe hier erklärt, dass der Bundesrat die Frage prüfen wird, sobald zwei Voraussetzungen erfüllt seien, nämlich die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechtes der Vorarlberger Regierung durch Österreich und dessen Anerkennung durch die Pariser Konferenz. Beide Voraussetzungen sind nicht in Erfüllung gegangen und der Bundesrat hat keinen Anlass, sich heute mit diesem Problem zu befassen. Wir müssen abwarten, ob sich ein Anlass zeigt, auf die Frage wieder näher einzugehen.“ – Damit war die anschlussfreudige Schweizer Bevölkerung aber nicht zufrieden. Die Begeisterung für eine Angliederung schlug nun in der Schweiz fast stärkeren Wellen als in Vorarlberg. Am 25.10. fand in Bern eine Versammlung der Fortschrittspartei statt, bei der ein Initiativkomitee gebildet wurde, mit dem Zwecke, in der ganzen Schweiz Unterschriften zu sammeln, um eine Aktion des Bundesrates auszulösen. Das gleiche Ziel hatten zwei Interpellationen an den Bundesrat. Die Interpellation des Nationalrates Gelpke, die von 12 Mitgliedern verschiedener Parteien unterstützt wurde lautete: „Was gedenkt der Bundesrat zu tun, um

  1. die fortschreitende Ernährungskalamität in Vorarlberg zu bekämpfen,
  2. die zufolge des Verfalls der österreichischen Monarchie sich geltend machende Lostrennungsbestrebungen Vorarlbergs in Einklang zu bringen mit der vollen Wahrung der schweizerischen Landesinteressen,
  3. die für einen Volksentscheid in Sachen der Vorarlberger Anschlussfrage erforderlichen Vorbereitungen zu treffen?“

Die Interpellation die Ständerat Winiger mit 14 Mitunterzeichnern einbrachte, hieß: „Die Unterzeichneten wünschen vom Bundesrat zu vernehmen, was bisher geschehen sei, und noch geschehen werde, um der Bevölkerung von Vorarlberg in ihrer derzeitigen Notlage Hilfe zu leisten. Sie wünschen in Hinsicht auf die Bestrebungen des Landes Vorarlberg zum Anschluss an die Schweiz erneut Aufschluss zu erhalten.“ Neben der Volkspetition und den zwei Interpellationen erfolgte aber noch eine dritte Aktion. 101 Mitglieder der Bundesversammlung (86 Nationalräte und 15 Ständeräte) richteten eine Eingabe an den Bundesrat, in der sie der Meinung Ausdruck gaben, daß die letzten politischen und wirtschaftlichen Vorgänge in Vorarlberg die schweizerischen Interessen berührten, die nicht ohne Schutz gelassen werden dürften. Das Vorarlberger Volk scheine in der Ausübung der Selbstbestimmung behindert zu sein. Es ergebe sich die Frage, ob die Schweiz auf Grund des Hilferufes des Vorarlberger Volkes vom 10. August 1919 nicht als Fürsprecherin die Angelegenheit vor den Völkerbund bringen sollte. [...] Man brauche nicht gleich an die Aufnahme eines neuen Kantons zu denken, aber eine sichere, politische und wirtschaftliche Anlehnung an die Schweiz sei für Vorarlberg nötig. »

  • ebenda S22ff

Eine vollständige Abschrift der Dissertation ist bei Renate Heim als Buch erhältlich.

Daniel Witzig

Die Vorarlberger Frage

Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft herausgegeben von Edgar Bonjour und Werner Kaegi, Basel und Stuttgart 1974

Die Vorarlberger Anschlussbewegung an die Schweiz, territorialer Verzicht und territoriale Ansprüche vor dem Hintergrund der Neugestaltung Europas 1918 - 1922

« Dass wir bei der vorliegenden Arbeit auf verschiedene, systematisch gesammelte Dossiers abstellen konnten, wobei diese Sammlungen wesentlich ergänzt werden mussten, bedeutete einen grossen Vorteil. Aus einer solchen Sammlung von Zeitungsausschnitten ist eine Innsbrucker Dissertation von Elfriede Auguste Zuderell zum Thema der Anschlussbewegung Vorarlbergs an die Schweiz, 1918 - 1921, entstanden. Zwangsläufig gilt für diese Dissertation das gleiche wie für die Quellen, welche die Verfasserin beigezogen hatte: da die Kenntnis der Akten fehlte, blieben zentrale Fragestellungen aus, während andere Problemkreise dadurch ein zu starkes Gewicht erhielten. Ausserdem werden in der - in den Jahren des Zweiten Weltkrieges geschriebenen und 1946 im Manuskript vorgelegten - Arbeit die deutschen Zeitungen aus verständlichen Gründen kaum berücksichtigt. » Seite XIVf

« Während die Frage im Politischen Departement nur im allgemeinen diskutiert wurde, stellte sie die Öffentlichkeit in direkten Bezug mit der eidgenössischen Tagespolitik. Bis 1920 lagen neben zahlreichen Zeitungsartikleln drei umfangreiche Gutachten vor. Emil Zürcher, Professor an der juristischen Fakultät der Universität Zürich, sprach sich für die Anerkennung des Vorarlberger Selbstbestimmungsrechtes aus; Walter Burckhart, Staatsrechtler an der Universität Bern, bezog entschieden Stellung gegen den Vorarlberger Rechtsanspruch; und Adolf Merkl, damals Privatdozent für Rechts- und Staatswissenschaft in Wien, legte den österreichischen Standpunkt dar. Seite 244

« Die Vergangenheit Vorarlbergs bezeugt mit seltener Deutlichkeit den ununterbrochenen Willen des Volkes zu jener Eigenverantwortung und Selbstverwaltung, welche das Land in der föderalistischen Schweiz zu verwirklichen hoffte. » Seite 247

« Die Befürworter eines sofortigen Anschlusses sprachen zwar von einer Erniedrigung des Vorarlbergs zur „gemeinen Herrschaft“ oder zum „Untertanenland“ sowie davon, dass es sich nicht schicke, einen „Bittsteller vor der Türe warten zu lassen“; doch die rechtlichen Erleichterungen, welche durch eine autonome Stellung Vorarlbergs geschaffen worden wären, bestritten sie nicht. „Hat Vorarlberg die Selbständigkeit, so ist der Staatsvertrag mit der Schweiz ... relativ einfach, und die eigentliche Anschlussfrage kann in aller Musse dann erst behandelt werden“, schrieb Engensperger nach Bern, und es steht ausser Zweifel, dass ein Vertrag zwischen autonomen Staaten nicht nur den Zusammenschluss vereinfacht, sondern auch dem eidgenössischen Begriff des zugewandten Ortes eher entsprochen hätte. „So denken wir uns das Selbstbestimmungsrecht als ein unzweifelhaftes Recht jedes zum souveränen Staatswesen organisierten Volkes“, schrieb Zürcher, und Burckhardt meinte: „Es gibt Fälle, wo unsere Maxime leicht anwendbar ist und offenbar die richtige Entscheidung trifft“; selbst Merkl bestritt diese Meinung nicht, wenn er als Träger des Selbstbestimmungsrechtes „die verschiedensten, gesellschaftlichen Gruppen“, welchen „die Fähigkeit der Staatenbildung zukommt“, bezeichnete. » Seite 254f

Harlan Kurtz Cohen

« Looking back ... » The Vorarlberg Question 1918 - 1922, The Failture of the Movement for Union to Switzerland, Darwin College, Faculty of History, University of Cambridge, 1975

« In seinem Kampf um Selbstbestimmung beging Vorarlberg den Fehler, zu unschlüssig und ängstlich zu sein. Auch wurde der Fehler begangen, nicht sofort die Unabhängigkeit von Deutsch-Österreich zu deklarieren und alle Beziehungen abzubrechen. Die in Vorarlberg im Umlauf befindlichen Kronen-Noten wurden nicht gestempelt, weiters wurden Eisenbahn, Post, Telefon- und Telegrafensystem sowie andere Dienste nicht sofort unter Kontrolle genommen. Der Bewegung fehlte die Entschlossenheit und Organisation, um wirkungsvoll zu handeln. » Die Vorarlberg-Frage 1918 - 1922, Kapitel 10 - Abschluss

« Es war für den (Schweizer) Bundesrat am besten, nichts zu tun und nur zuzusehen. Er bevorzugte den Verbleib Vorarlbergs bei Österreich, aber für den Fall der Vereinigung Österreichs oder Teilen davon mit einem anderen Staat hätte er das Selbstbestimmungsrecht für Vorarlberg gefordert. Die Frage sollte für die Vorarlberger und Schweizer aufbehalten oder zu einem späteren Zeitpunkt durch die Liga der Nationen (Völkerbund) entschieden werden. Jegliche endgültige Entscheidung sollte hinausgeschoben werden. In seiner Uneinigkeit spiegelte der Bundesrat nur die Situation innerhalb des Landes wieder. » ebenda

Benedikt Bilgeri

« Die Schweizer Anschlussbewegung endete nach vier Jahren mit einem Misserfolg. Dies geschah aus einer Reihe von Ursachen. Die Bewegung selbst war untadelig, wohlbegründet und ehrlich, freiwillig und doch stark genug, kam aber bald und fast zwangsläufig in falsche Hände. Als das großartige Ergebnis feststand, hatte die Landesregierung die Aufgabe, den Willen des Volkes bei den Mächten, bei der Schweiz und Österreich durchzusetzen. Da sie sich meist aus geheimen Feinden des Anschlusses zusammensetzte, ergab sich ein zwielichtiges Verhalten, bewusst oder unbewusst zu einer Führung in den Misserfolg. Verschärft wurden diese Folgen durch eine zweite, sehr wesentliche Tatsache, die ein selbständiges Handeln des Volkes einschränkte. Die Männer der Regierung gehörten drei Landesparteien an, die nach kürzerem Anlauf zur Selbständigkeit den österreichischen Gesamtparteien fest verbunden blieben. Das Vorarlberger Volk hatte mit einer straffen Parteienherrschaft zu rechnen, deren Ziele durchwegs gegen den Schweizer Anschluss gerichtet waren. So ergaben sich immer wieder schwere Abweichungen vom Sinn der Anschlussbewegung. Vor allem die fortdauernde Loyalität gegenüber Österreich war kennzeichnend und störend, die gleichzeitige Beschickung des Nationalrates, dortige Erklärungen und Abstimmungen, die Annahme von Weisungen der Wiener Regierung und daneben Anschlussverhandlungen und Erklärungen der Unabhängigkeit reimten sich nicht zusammen. Dazu die bürokratische Neigung, Volksbewegungen wie einen Akt einzuleiten und ohne Skrupeln abzuschließen, weit ab vom Empfinden für direkte Demokratie.

Es entstand ein Kurs, dem jede Zielstrebigkeit fehlen musste. Das Verhalten war nur scheinbar „zu unschlüssig, zu ängstlich“ wie Harlan Cohen den ersten Fehler der Bewegung gefunden zu haben glaubt. Ein solcher Personenkreis Dr. Ender-Preiss-Natter ging natürlich jeder entscheidenden Tat aus dem Wege. „Uns Vorarlbergern fehlte endlich die große Durchschlagskraft“, erzählt Dr. Pirker. „Einmal plante ich mit Riedmann, den Arlberg einfach zuzumauern. Die Idee war wohl originell, radikal, sie hätte uns aber sicher in das Blickfeld Europas geführt. Ich wandte mich aber an eine verantwortliche Persönlichkeit und bekam den Bescheid: ‚Ich kann nicht Revolutionär sein‘.“ Darum nach Cohen der zweite Fehler: „die völlige Unabhängigkeit jenseits der Grenzen Österreichs nicht sofort erklärt“ zu haben und der dritte: „nicht sofort alle Bindungen zu Österreich unterbrochen zu haben.“ Dann als unterlassene Folgerung zwei weitere Fehler: „die Kronennoten im Umlauf in Vorarlberg nicht gestempelt zu haben“ und „nicht sofort die Kontrolle über Eisenbahn, Post, Telegraph, Telefon und andere Dienste übernommen zu haben.“

Die Ursachen für das Scheitern des Schweizer Anschlusses sind natürlich ebenso sehr in der offiziellen Schweiz zu suchen. Sie versprach Nichtigkeiten und hielt das Versprechen nicht einmal ein. [...] Es war oft ein kaltes undemokratisches Hinweggehen über die so freundliche, hilfbereite Stimmung des eigenen Volkes, ... » Benedikt Bilgeri, Geschichte Vorarlbergs, 1987, Bd V, S85ff

Viktor Hofer

« Auf der Seite der Anschlussfreunde wuchs indessen das Bedürfnis nach einer zentralen Organisation. Am 18. November 1919 trafen sich die leitenden Persönlichkeiten der einzelnen Komitees in Rorschach und schritten tags darauf nach Referaten von alt Bundesrat Forrer und Gonzague de Reynold zur Gründung eines gesamtschweizerischen Initiativkomitees Pro Vorarlberg unter Beibehaltung kantonaler und lokaler Komitees. Die gemeinsamen Ziele waren: Propaganda, Lebensmittelhilfe und das Studium der Anschlussfrage. Das Zentralkomitee nahm Sitz in Bern. Als Präsident amtete Nationalrat Rothpletz von Aarau, als Vizepräsidenten wurden Vetsch und Oberst de Diesbach gewählt. Die Vertreter des Kantons St.Gallen waren: Dr. J. Eisenring, alt Nationalrat, Rorschach; Engensberger, alt Nationalrat, Rorschach; Dr. R. Forrer, Nationalrat, St.Gallen; E. Grünenfelder, Nationalrat, Flums; J. Scherrer-Füllemann, Nationalrat, St.Gallen; J. Zäch, Kantonsrat, St.Gallen; Carl Zurburg, Nationalrat, Altstätten. » Unser Rheintal, Jg. 40, 1983, S53

Martin Schmid-Gartmann

Die Rede Bundesrat Calonders machte in der Schweiz und drüben in Vorarlberg im allgemeinen einen guten Eindruck. Ein St. Galler Blatt faßte ihren Inhalt, ein bißchen alltäglich zwar, aber witzig und treffend, wie folgt zusammen: « Verehrte Frau Vorarlbergerin, Sie sind verheiratet und zwar mit Wien. Ich bin der letzte, der Sie zum Ehebruch verleiten möchte. Sollten Sie aber vom Recht auf Scheidung Gebrauch machen wollen, so würden der Bundesrat und die Schweiz Sie in diesen Bestrebungen gern unterstützen, und - der Vorarlbergerin auf die Schulter klopfend - liebe Frau, man kann ja nie wissen, aber im Fall der Fälle wäre es im Schweizerhaus ganz nett, und ich sähe in einer Annäherung nur Vorteilhaftes für uns beide. » Die Vorarlberger Frage von 1919, Bündner Jahrbuch 1969, Chur, S31

Gerhard Wanner

« Um Vorarlbergs Volksbewegung gegenüber der Schweiz, aber auch gegenüber den Siegermächten zu diffamieren, bedienten sich die Anschlussgegner und vor allem die Sozialdemokraten des völlig einseitigen und abwertenden Vorwurfes, der Anschluss an die Schweiz werde einzig und allein aus materiellen Motiven betrieben, während sie sich selbst als die Hüter politischer Moral sahen, sei es im Namen eines deutschen Nationalismus oder der angestrebten proletarischen Weltrevolution. » 'Liberi e Svizzeri' - die Liebe ging nicht durch den Magen, Eidgenossen helft euren Brüdern in der Not, Feldkirch 1990, S150ff

« In Rorschach entstand am 18. November das eidgenössische Zentralkomitee Pro Vorarlberg das eng mit dem aktiven Vorarlberger Werbeausschuß zusammenarbeitete. Die führenden Männer beschlossen nach dem "Recht der Initiative" die revolutionäre Trennung Vorarlbergs von Österreich. Landeshauptmann Ender erfuhr von Riedmann die beiden geplanten Vorgangsweisen, entweder Selbständigkeit durch Putsch oder durch eine Volksabstimmung. Am 6. Dezember 1919 trat der Landtag zusammen, von dem man sich eine endgültige Entscheidung erwartete. Doch der Umsturz fand nicht statt, er scheiterte am deutschgesinnten, zaghaften Juristen Otto Ender, der sich, wenn es um den Schweizer Anschluß ging, immer nur als "Beauftragter" und nicht als aktives Element sah. Ender forderte weder die Unabhängigkeit Voralbergs, noch die Loslösung von Österreich. Es wurde jedoch der Landesrat beauftragt, bei der österreichischen Staatsregierung die Anerkennung des Vorarlberger Selbstbestimmungsrechtes zu verlangen und dieselbe aufzufordern, das Begehren beim Völkerbund anhängig zu machen. Dies war der Anfang vom Ende, auch wenn es die Anschlußfreunde noch lange nicht wahrhaben wollten. » ebenda S156

Sigmund Widmer

« Das Verhalten des Bundesrates in dieser Angelegenheit darf man schlicht und einfach als einen Fehler bezeichnen. Vorarlberg hätte militärgeographisch eine wertvolle Verbesserung der schweizerischen Ostgrenze gebracht. Die Bevölkerung - es handelt sich vor allem um aus dem Wallis durch Graubünden gewanderte Walser - waren mit ihren ostschweizerischen Nachbarn seit Jahrhunderten eng verwandt. Die damals geäußerte Befürchtung, die Schweiz sei nicht in der Lage, die 150.000 Vorarlberger zu assimilieren, klingt geradezu lächerlich, sofern man bedenkt, daß heute die vierfache Zahl von größtenteils fremdsprachigen Gastarbeitern bei uns tätig ist. Aber selbst wenn man aus objektiven Gründen gegen eine Aufnahme des kleinen Landes eingestellt war, so wäre es ein selbstverständliches, taktisches Gebot gewesen, die Vorarlberger Frage von seiten der Schweiz politisch hochzuspielen, um sodann mit einem Verzicht auf diese mögliche Gebietserweiterung andere für die Schweiz wichtige Positionen einzuhandeln. Aber auch das unterblieb. Tatsache war, daß Gustave Ador, der Chef des Politischen Departements für dieses weitabliegende, deutsch sprechende und katholische Land kein Interesse aufbrachte und zudem alle eidgenössischen Behörden mit drängenden innerpolitischen Fragen, zum Beispiel dem großen Landesstreik und seinen Nachwirkungen voll beschäftigt waren. Als sich die parteipolitischen Wogen wieder etwas geglättet hatten und vom Parlament aus ein Vorstoß zur Aufnahme Vorarlbergs unternommen wurde, war es bereits zu spät. Die Siegermächte kamen auf ihren Beschluss nicht mehr zurück. » Sigmund Widmer, Illustrierte Geschichte der Schweiz, Zürich 1982 S416

Karl Rohrer

« Diese Anschlußbewegung ist wohl das bedeutendste Ereignis unserer Geschichte während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts - und ihr Scheitern das betrüblichste; das bedeutendste: weil ihr Gelingen uns nicht nur wirtschaftliche Vorteile gebracht, sondern auch Schweizer Demokratie beschieden, den Zentralismus erspart, die Überfremdung in Schranken gehalten und vor dem Nationalsozialismus samt dem II. Weltkrieg verschont hätte; das betrüblichste: weil sie mißlungen ist, ohne daß sie hätte mißlingen müssen. Die Eidgenossenschaft hätte sich eines Kantons Vorarlberg wahrlich nicht schämen müssen, was hellsichtigen Schweizern sehr wohl bewußt war. » Vorarlberg 1918 - 1922, Opfer zweier großdeutscher Intriganten - Dr. Albert Ritter, S5

Peter Geiger

« Die ebenfalls erst 1918 gegründete liechtensteineische Christlich-soziale Volkspartei, geführt vom Rechtsanwalt Dr. Wilhelm Beck und vertreten durch dessen Zeitung « Oberrheinische Nachrichten » stand zur Bürgerpartei in scharfer Opposition. Sie wünschte demokratische Reformen, Beschränkung der monarchischen Stellung, Ablösung von den fürstlichen Beamten aus Österreich und von der fürstlichen Hofkanzlei in Wien und rasche wirtschaftliche Entwicklung im Lande. Da kam der Vorarlberger Anschlusswunsch gerade recht. Volkspartei und « Oberrheinische Nachrichten » traten nun energisch für den Anschluss der Vorarlberger an die Schweiz ein, nicht nur weil dies der demokratische Vorarlberger Volkswille war, sondern weil die Volkspartei sich von einer schweizerischen Inselstellung des Fürstentums Liechtenstein gerade die rasche Erfüllung jener angestrebten Ziele erwartete, ohne andererseits ein Aufgehen in der Schweiz zu befürchten. Erst wenn Vorarlberg zur Schweiz komme, könne Liechtenstein sich wirklich « selbständig » entwickeln. [...] Gern sahen sich die liechtensteinische Volkspartei und « Oberrheinischen Nachrichten » in Übereinstimmung mit den befürwortenden Gruppen im Kanton St.Gallen und in der Schweiz, welchen man deswegen mehr « wahren Schweizergeist » attestierte. » Peter Geiger, « Höher als der Buchser Kirchturm ... », Werdenberger Jahrbuch 1991, S99ff

Roland Hilti

« Bereits am 22. April 1919 war Landesverweser Prinz Karl von Liechtenstein mit Bundesrat Calonder zusammengekommen. Der Prinz hatte die Wünsche von Fürst und Volk übergeben:

a) eine Gesandtschaft in Bern eröffnen,
b) die diplomatischen Beziehungen Liechtensteins im Ausland auf die Schweiz übertragen,
c) Liechtenstein durch ein System von Verträgen an die Schweiz anlehen.

Am 24. Oktober 1919 erteilte der schweizerische Bundesrat seine Zustimmung. [...]

Die wirtschaftlichen Gründe allein genügen nicht zur Erklärung der außenpolitischen Kehrtwendung Liechtensteins von Österreich zur Schweiz. In den Jahren 1914 bis 1918 bildeten sich zwei Parteien in Liechtenstein, die Volkspartei und die Bürgerpartei. Die Anlehnung Liechtensteins an die Schweiz muß in starkem Maße als ein Verdienst der Volkspartei gewertet werden. Sie forderte die Ausschaltung der Hofkanzlei in Wien. Einer der wichtigsten Leitsätze jener Jahre hieß: ‘Liechtenstein den Liechtensteinern‘. Die Volkspartei kritisierte damit das österreichische Beamtentum, welches im Fürstentum die Verwaltung ausübte. » Die Loslösung Liechtensteins von Österreich und der Zollvertrag mit der Schweiz 1923, Eidgenossen helft euren Brüdern in der Not, Feldkirch 1990, S117ff

Werner Dreier / Meinrad Pichler

« Der Zusammenbruch der Habsburgermonarchie im November 1918 bescherte neben einem staatlichen auch ein wirtschaftliches Fiasko. Zwar war Vorarlberg in der Person des Vizekanzlers Jodok Fink an der Gründung der Republik Deutsch-Österreich maßgeblich beteiligt, im Lande selbst zeigte sich aber bald, daß andere staatliche Orientierungen bei der Mehrheit der Bevölkerung mehr Zuspruch fanden als der österreichische Weg. Einerseits waren viele davon überzeugt, daß bei einem Anschluß Vorarlbergs an die Schweiz die materielle Not am schnellsten zu beseitigen wäre; andere wiederum glaubten, daß das vom ehemaligen Großreich übriggebliebene Restösterreich nur an der Seite Deutschlands eine reelle Uberlebenschance habe. Der Landesregierung ging es darum, in jedem der möglichen Fälle eine möglichst große Eigenständigkeit zu erreichen. Aber weder die Siegermächte, noch die österreichische Staatsregierung ließen einen Vorarlberger Sonderweg zu, und die umworbene Schweiz hielt sich bedeckt. » Vergebliches Werben, Bregenz 1989

Margarethe Lang

« Abseits eines direkten Gedenkens ist es auch möglich, dass einige Argumente bei späteren Gelegenheiten wieder aufgenommen werden. » Historisches und kollektives Gedächtnis: Die Einstellung der Vorarlberger zu den Anschlussversuchen 1918 - 1922, Wien 2004, S89

« Im Jahr 1979 bildete sich in Vorarlberg die regionale Initiative Pro Vorarlberg, deren Ziel mehr Rechte für das Bundesland waren. » ebenda S90

« Charakteristiken, die während der Anschlussbewegung für die Vorarlberger hervorgehoben wurden, hielten sich auch weiterhin, fanden ihre Verwendung in politischen Auseinandersetzungen ebenso wie in landes- und volkskundlichen Darstellungen. » ebenda S91

Wolfgang Weber

« Die Vorarlberger Bevölkerung ... hatte sich in einer Volksabstimmung am 15. Mai 1919 mit rund 80% für die Aufnahme von Verhandlungen mit der Schweizer Bundesregierung über einen möglichen Beitritt des Landes zur Eidgenossenschaft ausgesprochen. Nur in Bludenz, Bolgenach und Hittisau war eine Mehrheit der Stimmbürger gegen derartige Verhandlungen, der Rest der rund 100 Vorarlberger Gemeinden wies bis zu 90% Befürworter auf. »

Josef Riedmann

Was die Rehabilitierung meines Namensvetters betrifft, so sollte der Historiker meiner Meinung nach stets in erster Linie erklären und nicht be- und schon gar nicht verurteilen. Das steht ihm nicht zu, denn im Nachhinein ist jeder klüger.

Dieter Petras

Für einen angehenden Historiker, der seine Wurzeln mit Interesse sucht, betrachtet und pflegt, ist die „Vorarlberger Frage“ eine Thematik, die es sich auch – oder gerade – heute einer genaueren Betrachtung zu unterziehen lohnt. In einer Zeit, in der sich ein weitgehend geeintes Europa anschickt unselige Nationalismen zu überwinden und in dem gleichzeitig ein „Europa der Regionen“ postuliert wird, mag ein Blick in die Geschichte Erhellendes zutage fördern. Erhellendes über vergangene Zeitläufte, Erhellendes vielleicht aber auch in Hinblick auf noch kommende. Vielleicht mag ein solcher Blick aber einfach Anlass dazu geben, auf die Altvorderen mit Verständnis und Wohlwollen zu blicken. Ein Verständnis und Wohlwollen, das – gerade im Rahmen dieser Thematik – selbst die eigene Zunft nicht umhinkommt zu beanspruchen.

Sonstiges

Nichts ist umsonst

Die beachtenswerten Aktivitäten der genannten Männer und Frauen finden ihre Anerkennung, Fortsetzung und Vollendung im ABC-Bildungswerk und anderen einschlägigen Initiativen.

  • Das Vorarlberger Selbstbestimmungsrecht ...

kleiner Exkurs

Bei einer Geschichtsfälschung wird vorsätzlich versucht, mit wissenschaftlich unlauteren Mitteln einen falschen Eindruck von historischen Ereignissen und ihrer Interpretation zu vermitteln. Auf dem langen Weg von den Quellen und der vorherigen Sekundärliteratur zur Darstellung gibt es viele Möglichkeiten der Manipulation. Die meisten Geschichtsfälschungen kommen hingegen durch eine willkürliche Interpretation des Quellenmaterials zustande, am einfachsten durch das Weglassen bzw. Nichtbeachten unerwünschter Quellen, also einer einseitigen Quellen- und Literaturauswahl.

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